Die verdrängte Kolonialzeit

Angesichts der Greuel von 12 Jahren Naziherrschaft ist die Zeit in der Deutschland Kolonialmacht war, in unserem Bewusstsein in den Hintergrund getreten. Bartholomäus Grill legt mit „Wir Herrenmenschen. Unser rassistisches Erbe: Eine Reise in die deutsche Kolonialgeschichte“ einen ausgewogenen Beitrag zu diesem weiteren dunklen Kapitel unserer Geschichte vor.

Wenn wir an die relativ kurze Zeit denken, die das Kaiserreich im Konzert der großen Kolonialmächte mitspielen wollte, fällt uns meistens nicht viel ein. Dunkel erinnern wir uns, dass es da eine Diskussion über einen Völkermord an dem Volk der Herero gibt und das wir im chinesischen Tsingtao unsere Bierbraukunst weitergaben. Viel mehr wird den meisten Deutschen aber nicht zur deutschen Kolonialzeit einfallen.

Umso beeindruckender liest sich Bartholomäus Buch „Wir Herrenmenschen“. Er nimmt den Leser mit auf eine spannenden Reise durch die früheren Kolonialgebiete. Dabei zeigt er, dass das Handeln der Deutschen in den „Schutzgebieten“ eine nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat und teilweise noch bis in die Gegenwart nachwirkt.

Immer wieder lässt er Einheimische zu Wort kommen. Menschen, die als Askari im Dienst der deutschen Schutztruppen arbeiteten und selbst in die Kolonialzeit verklären. Aber auch Personen die der Kolonialzeit kritischer gegenüber stehen.

Schonungslos klärt er über die brutale Herrschaft deutscher Imperialisten wie Carl Peters auf. Er zeigt auf, dass die Deutschen sich tatsächlich meistens wie „Herrenmenschen“ gegenüber einer niedrigstehenden Rasse benahmen, mordeten, folterten, vergewaltigten. Er erwähnt aber auch die wenigen positiven Aspekte deutscher Kolonialgeschichte. Denn zweifelsfrei muss man den Aufbau von Schulen als etwas positives begreifen. Wenn man dabei aber auch nicht vergessen darf- das macht Grill jederzeit deutlich- das es dabei nicht um eine Maßnahme im Sinne einer kulturellen Entwicklung der Menschen ging, sondern darum sie zu gefügigen Arbeitskräften für das Deutsche Reich zu machen.
Der Autor zeigt aber auch auf, welche verheerenden Folgen die deutsche Kolonialpolitik für die Gegenwart hat. So erzählt er von dem furchtbarsten Völkermord in der Geschichte Afrikas. Im Jahre 1994 schlachtete das Hutu- Regime 800.000 Menschen der Volksgruppe der Tutsi ab. Das wäre nicht passiert, hätten die Deutschen nicht in der Kolonialzeit für eine rassische Segregation der beiden Volksgruppen Hutu und Tutsi gesorgt, ja deren Abstammung sogar in deren Personalausweise geschrieben. Vor den Deutschen gab es keine Abtrennung zwischen beiden Volksgruppen. Im Gegenteil: Heiraten zwischen ihnen waren normal. Erst die rassistische Segregationspolitik der Belgier dann der Deutschen trennte dies Gruppen und legte die Saat für den späteren Völkermord.

Dem Auslandskorrespondenten Grill gelingt ein ehrliches und ausgewogenes Bild deutscher Kolonialgeschichte. Er verherrlicht die deutsche Kolonialgeschichte nicht, nennt jedes Übel beim Namen aber nennt auch die wenigen positiven Lichtblicke deutscher Kolonialzeit.

Ein Völkermord an den Herero?

Grill geht in seinem Buch ausführlich auf die These ein, dass die Deutschen Kolonialtruppen unter dem Oberbefehl von Lothar von Trotha den ersten Völkermord in der Geschichte verübt hätten. In der Mainstream Geschichtswissenschaft hat sich die These durchgesetzt, dass die Deutschen das Volk der Herero in die Wüste Omaheke gejagt hätten und somit den Tod von 60. – 80.000 Herero zu verantworten gehabt hätten. Grill gelingt es hier aber vorbildlich zu zeigen, auf welchen wackeligen Beinen diese These steht. Dabei geht es ihm stets keineswegs um eine Relativierung, sondern stets um eine ausgewogene Betrachtung der Umstände. Er macht klar, dass die Ergebnisse der Geschichtswissenschaft stets eine Sache der Interpretation der Quellen ist. Und im Fall der Niederschlagung des Aufstands der Herero ist die Quellenlage recht dünn. Überliefert sind zum Beispiel die Aussagen von Lothar von Trotha, der angeordnet hatte auf die Herero schießen zu lassen. Selbst Frauen und Kinder hat er bei seiner Anweisung nicht ausgenommen. Er schränkte aber ein, dass man über Frauen und Kinder hinweg schießen sollte. Grill und andere sehen darin einen Hinweis darauf, dass der Handlungsspielraum der Kolonialtruppen in Wahrheit sehr eingeschränkt war. Die deutschen Truppen waren wie Grill zeigt in erbärmlichen Zustand und hatten unter Umständen gar nicht die Möglichkeiten die Überzahl der Herero in die Wüste
Omaheke zu drängen. Abgesehen davon lässt sich nachweisen – wie der Autor zeigt, dass die Herero regelmäßig die Wüste durchquerten und demnach wussten, wie sie lebend durchqueren konnte.

Der schwierige Umgang mit dem kolonialen Erbe

Bartholomäus Grill geht stets auf den schwierigen Umgang der Deutschen mit diesem Teil der ihrer Vergangenheit. Er zeigt, dass Vorurteile aus der Kolonialzeit immer noch virulent sind und die Vergangenheitsbewältigung zusätzlich erschweren.

Dem Auslandskorrespondenten Grill gelingt ein ehrliches und ausgewogenes Bild deutscher Kolonialgeschichte. Er verherrlicht die deutsche Kolonialgeschichte nicht, nennt jedes Übel beim Namen aber nennt zudem die wenigen positiven Lichtblicke deutscher Kolonialzeit.

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