Eckart Conze: Die große Illusion

Passend zum 100. Jahrestag des Versailler Vertrags veröffentlicht der Marburger Historiker Eckart Conze, bekannt geworden durch die Aufarbeitung der NS Geschichte des auswärtigen Amts („Das Amt und die Vergangenheit) eine Geschichte des Friedens von Versailles.

„Der Schandfrieden von Versailles“ ist im deutschen Bewusstsein stets noch ein Begriff. Als tiefe Demütigung ist der Vertrag von Versailles in das kollektive Gedächtnis eingegangen und prägt bis heute die Wahrnehmung dieses historischen Ereignisses nach dem Ende des ersten Weltkriegs. Höchste Zeit den Verhandlungen von Versailles objektiv zu analysieren und in das richtige Licht zu rücken. Soviel sei vorweg gesagt: Conze gelingt dies glänzend.

Der Schandfrieden von Versailles

Eckart Conze macht eindrücklich klar, wie es durch falsche Erwartungen auf der deutschen Seite dazu kam, dass der Friedensvertrag von Versailles eine so große Bürde für die junge Weimarer Republik werden konnte. Er zeigt, dass unrealistische Erwartungen vor dem Friedensdiktat und eine wenig diplomatische Verhandlungsführung des deutschen Chefdiplomaten Brockdorff- Rantzau dazu führte, dass der Artikel 231, in dem es primär um Kriegsreparationen ging, im deutschen Gedächtnis zum reinen „Kriegsschuldartikel“ wurde und den Alliierten nur noch übrig blieb, mit der berüchtigten Mantelnote den deutschen Forderungen zu widersprechen, die von den Deutschen ebenfalls als große Demütigung empfunden wurde.

Damit gerieten die deutschen demokratischen Regierungsparteien in eine schwierige Situation. Sie lehnten den Friedensvertrag zwar selbst ab, wussten aber das auf Grund der instabilen Lage in Deutschland selbst, eine Verweigerung der Unterschrift unter den Vertrag zu einer Besetzung und Zerstörung des Vaterlands führen würde. Denn eines Angriffs allierter Kräfte war Deutschland damals in keiner Weise gewachsen. Diese missliche Lage der Demokraten konnten die Nationalisten in der Opposition in der Folgezeit für sich nutzen, um Stimmung gegen die Alliierten und „Novemberverbrecher“ zu machen.

Ein Frieden zugunsten der imperialen Mächte

Wie Conze umfassend darlegt, ging es bei den Verhandlungen in Paris, um nicht mehr und nicht weniger als der „Neuordnung der Welt“. Vertreter aus aller Welt waren in Paris zu Gast, um nach dem Ersten Weltkrieg das Beste für ihr eigenes Land herauszuholen.

Conze macht dabei sehr deutlich, wie dieser Plan für viele mit sehr großer Enttäuschung endete und führt dem Leser die Widersprüchlichkeit der ganzen Konferenz vor Augen. Denn einerseits waren Vertreter vieler kleiner Staaten anwesend. Andererseits war es inbesondere der Rat der Vier, die Großmächte, die den Ton angaben und den Inhalt des Vertrags bestimmten.

Folglich waren es die Imperien, die als Gewinner aus Verhandlungen hervorgingen. Hier macht der Marburger Historiker eindrücklich die ganze Widersprüchlichkeit der Verhandlungen deutlich. Denn einerseits hatte Wilsons Überzeugung in das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ für Widerhall gesorgt und wurde stets von jedem der dadurch Gewinne zu erwarten hatte als Argumentationsgrundlage genutzt. Andererseits endete das Selbstbestimmungsrecht der Völker stets dort, wo die Machtinteressen der Imperien betroffen waren. So konnte der Vertrag von Versailles keinen dauerhaften Frieden schaffen. Auch dem in Paris gegründeten Völkerbund konnte keine erfolgreiche Zukunft vorausgesagt werden.

Besonders klar wird dabei, dass es den Franzosen bei den Verhandlungen vor allem darum ging, Deutschland so stark wie es nur irgend ging, zu schwächen. Dabei nahmen die Franzosen auch in Kauf, einen Konflikt in der Zukunft hinauf zu beschwören. Auf der einen Seite seien die Franzosen kriegsmüde gewesen, auf der anderen Seite war der Hass auf den Gegner angesichts der materiellen Zerstörungen und der als Krüppel zurückgebliebenen Opfer zu groß gewesen, als das hier vernünftige Weitsicht hätte gewinnen können.

Ein Frieden als Verlängerung des Kriegs

Conze macht in seinem extrem gut recherchierten Buch fassbar, wie sich nach dem Vertrag von Versailles auch in den Länder der Sieger, die Stimmung gegen den Vertrag selbst veränderte. Man erkannte durchaus, dass man mit dem Vertrag von Versailles die Gefahr eines neuerlichen Krieges heraufbeschwor. Eindrücklich macht Conze das zum Beispiel mit einem Zitat von John Meynard Keynes:

„Wenn wir absichtlich auf den Ruin Mitteleuropas ausgehen, dann wird (…) die Vergeltung nicht ausbleiben. Nichts kann dann auf längere Zeit den letzten inneren Kampf zwischen des Kräften des Rückschritts und den verzweifelten Zuckungen des Umsturzes aufschieben, vor dem die Schrecken des letzten deutschen Krieges in nichts verschwinden werden und der, wer auch immer Sieger bleiben mag, die Kultur un den Fortschritt des bestehenden Geschlechts vernichten wird.“ (John Meynard Keynes)

So schafft Conze es auch die britische „Appeasement Politik“ in eine neues Licht zu stellen. Wird das Münchner Abkommen im Jahr 1938 häufig als Schwäche der Briten dargestellt, ist darin die viel frühere Einsicht zu erkennen, dass man mit dem Vertrag von Versailles den Bogen überspannt hat und statt einer europäischen Friedensordnung, in dem ein wirtschaftlich starkes Deutschland, ein wichtiger Bestandteil sein würde, eine Situation geschaffen hat, in der anhaltender Revisionismus und erstarkender Nationalismus eine neuerliche Kriegsgefahr heraufbeschwört.

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