Buchkritik: Weltordnung von Henry Kissinger

Wir leben in einer aufregenden Zeit. Die Welt ist so unsicher wie seit langem nicht. Nicht nur der nahe Osten ist ein einziger Krisenherd. Auch im südchinesischen Meer gibt es mehr als genug Konfliktpotential. Wie man in diese Welt Ordnung, ja, eine neue Weltordnung bringt, diese Frage stellt sich der im mittelfränkischen Fürth geborene frühere Außenminister und langjährige Sicherheitsberater der amerikanischen Regierung, Henry Kissinger in seinem Buch „Weltordnung“. Er hat damit ein hoch aktuelles Buch geschrieben, mit dem er – gleich Niccolo Machiavelli es an seinen Fürsten Lorenzo di Piero de Medici tat- einen Ratgeber an den künftigen amerikanischen Präsidenten schreibt. Es ist unglaublich kenntnisreich. Denn Kissinger unternimmt in seinem Buch eine Reise durch die Geschichte der großen Spieler in jeder Weltregion, weil er weiß, dass sich die Handlung von jedem Einzelnen nur aus dem Kontext seiner Geschichte verstehen lässt.

Der westfälische Frieden als Grundlage

Als Beispiel einer Ordnung, die er immer wieder als Vergleichsmaßstab, für Ordnungen in anderen Regionen nimmt, nennt Kissinger den Westfälischen Frieden. Für ihn war es der erste Versuch die internationale Ordnung zu institutionalisieren, die auf Regeln basierte, denen eine Vielzahl von Staaten zugestimmt hatten und die nicht von einer großen Macht dominiert wurde. Das Konzept des Gleichgewichts der Mächte („Balance of Power“), wie es im Westfälischen Frieden zum Ausdruck kommt,  hat für ihn zwei Schwachstellen. Es wird erstens dann herausgefordert, wenn eine der Führungsmächte sich so verstärkt, dass sie Hegemonie erstrebt. Zum anderen wird eine neue Ausbalancierung des Gleichgewichts nötig, wenn eine Macht, die zuvor eher in zweiter Reihe stand, versucht zur Hauptmacht zu werden.

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Kissinger „World Order“

Europa auf dem Weg zur Bedeutungslosigkeit?

Europa sieht Kissinger natürlich als engen Bündnisparter der USA. Er zeichnet die die Geschichte Europas Weg nach, von der „Balance of Power“ des westfälischen Friedens zur Herrschaft des Darwinismus im frühen 20. Jahrhundert, bis zur Europäischen Union, die er wieder als Konstrukt erkennt, in dem eine Balance of Power herrscht. Europa, die Sammlung der Staaten, die wie kein anderer Kontinent das Bild der Welt im 19. Jahrhundert verändert, sieht er aber vor einer schwierigen Zukunft. Die Europäer müssten entscheiden, welche Rolle sie auf der Welt spielen wollten. Europa könne wählen, ob es sich entweder neutral verhalten möchte, an der atlantischen Partnerschaft festhält oder Bündnisse mit anderen Erdteilen eingeht. Kissinger sieht es als Aufgabe der USA an, Europa davon abzuhalten in politische Bedeutungslosigkeit zu verfallen. Denn er erkennt, dass es sich in einer schwierigen Situation befindet, zwischen einer Vergangenheit, die noch überwunden werden muss und einer europäischen Zukunft, die die Europäer noch definieren müssen.

Der Nahe Osten im Chaos

Der nahe Osten befindet sich in Kissingers Augen – wer könnte das bezweifeln- in einer schweren Krise. Den Iran, deren große Vergangenheit er hervorhebt, um dessen Anspruch als regionale Macht verständlich zu machen, sieht Kissinger als einen wichtigen Faktor.

Asien zwischen Konfrontation und Ordnung

China erkennt Kissinger als den wichtigsten Akteur im asiatischen Raum an. Er macht klar, welche Macht das „Reich der Mitte“ im Mittelalter in Asien hatte und woher es dementsprechend die Ambition zum heutigen Machtdenken nimmt. Er zieht Parallelen zwischen dem südchinesischen Meer und dem Europa des frühen 20. Jahrhunderts. Dabei macht er aber auch klar, dass er nicht an einen mit militärischen Mitteln ausgetragenen Konflikt glaubt.

Er thematisiert auch Indien und Pakistan, zwei Atommächte, deren weltpolitische Bedeutung nicht zu unterschätzen ist. Kissinger zeigt auf, dass die Inder in einer Philosophie verwurzelt sind, die von einer Ordnung im permanenten Wandel ausgeht. Besatzer zum Beispiel konnten so leicht ertragen werden

Amerikas Rolle in der Welt

Henry Kissinger versucht bei seinen Lesern Verständnis für die Rolle Amerikas in der Welt zu schaffen. Er sieht es nach wie vor als Macht, der bei der Schaffung einer neuen Weltordnung in dieser in Unordnung geratenen Welt  eine entscheidende Rolle zukommt. Kissinger erklärt, dass der Gedanke der Freiheit und diese in der Welt zu verbreiten, schon immer zu den grundlegendsten Überzeugungen der USA gehörte.

Kissinger schreibt ein immens kenntnisreiches Buch, dem viele Leser zu wünschen sind. Auch der künftige Präsident der USA sollte dieses Buch lesen.

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