Politische Sozialisation des militärischen Widerstands gegen Hitler

Um den Gedanken zu fassen, ein Regime stürzen, braucht es die Bereitschaft dazu mit allen Folgende seines Tuns zu leben und zu akzeptieren, dass sich grundlegende Konstanten in seinem Leben von einem Tag auf den anderen ändern können. Dies ist Bereitschaft, die dem Deutschen zumindest in Anbetracht unser Geschichte per se abgeht. Wir Deutschen sind in der Regel nicht bereit zur Revolution, zum gewaltsamen Umsturz einer Regierung und der damit einhergehenden Folgen für das eigene Leben. Der Kommunist Erich Mühsam hat dies in seinem Gedicht vom Revoluzzer beredt zum Ausdruck gebracht:

Es war einmal ein Revoluzzer
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: „Ich revolüzze!“
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Straßen Mitten,
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Straßenpflaster aus.
zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
schrie: „Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn‘ das Licht ausdrehn,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Laßt die Lampen stehn, ich bitt! –
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!“

Doch die Revoluzzer lachten,
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt
.

Erich Mühsam

politische Sozialisation des militärischen Widerstands

Die besondere Situation in der Zeit des Nationalsozialismus und die Kriegsgreuel des Ostfeldzugs haben offenbar beim militärischen Widerstand einen Schalter umgelegt, sodass sie trotz allem sich zur Tat entschlossen.

Die politische Sozialisation der Attentäter spielte bei der Entscheidung sowohl im negativen als auch im positiven sicher eine entscheidende Rolle.

Eidtreue und Preußentum

Der überwiegende Teil des militärischen Widerstands kam – der Zeit entsprechend- aus dem Adel. Denn lange war die Bekleidung von Offiziersrängen dem Adel vorbehalten. Diese adeligen Offiziere, die von Stauffenbergs, von Tresckows, von Boeselagers, agierten dementsprechend vor allem in ihrem eigenen sozialen Milieu, dessen Traditionen sie zu festgeschriebenen Handelsimperativen zwang.

Die Begriffe Befehl und Gehorsam spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Gehorsam gegenüber dem Vorgesetzen im Militär waren dort sehr bedeutend. Das heißt die Tradition aus der der militärische Wiederstand kam, war einerseits ein großes Hindernis zum militärischen Schlag gegen Hitler. Dieses wurde zusätzlich vergrößert durch den Schwur, den die Wehrmacht auf Hitler geschworen hatte:

„Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, dem Obersten Befehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen.“

Andererseits konnte diese Tradition aber auch gerade einen Anstoß zum Widerstand geben. Denn die Tradition Befehlen in der Regel zu folgen, war nicht gleichbedeutend mit blindem Gehorsam. Diese findet Ausdruck in einer Tischrede, die am  11. April 1943 Henning von Tresckow in der Potsdamer Garnisonskirche zu seinen beiden Söhnen anlässlich ihrer Konfirmation vortrug:

„Vergesst niemals, dass Ihr auf preussischem Boden aufgewachsen und heute an der heiligsten Stätte des alten Preussentums eingesegnet seid. Das birgt eine grosse Verpflichtung in sich: die Verpflichtung zur Wahrheit, zur innerlichen und äusserlichen Disziplin, zur Pflichterfüllung bis zum Letzten. Vom wahren Preussentum ist der Begriff der Freiheit niemals zu trennen. Wahres Preussentum heisst Synthese zwischen Bindung und Freiheit, zwischen Stolz auf das Eigene und Verständnis für Anderes. Nur in der Synthese liegt die Aufgabe des Preussentums, liegt der preussische Traum.“*

Haffner, Sebastian / Venohr, Wolfgang: „Preußische Profile“. Ullstein 1986 Seite 285.

Überliefert ist auch das Beispiel des Johann Friedrich Adolf von der Marwitz, der einst unter Friedrich dem Großen diente und die Synthese aus Bindung und Freiheit veranschaulicht:

Dieser missachtete den Befehl Friedrich des Großen im sechsjährigen Krieg Schloss Hubertusburg zu plündern. Er sah diese Aktion nicht als kriegswichtig an und verzichtete daher auf die Plünderung aus moralischer Überzeugung.

Ein anderer Aspekt der Tradition des Adels spielte eine weitere positive Rolle bei der Entscheidung zu den Attentatsversuchen und dem Staatsstreich gegen Hitler: die christliche Religion. Die Gesellschaft allgemein aber auch der Adel im Besondern sah sich christlichen Werten verpflichtet.  Der Massenmord im Osten, der christlichen Werten und Geboten fundamental widersprach, musste jeden gläubigen Christen in den Widerstand zwingen. So ist von Henning von Tresckow während der Planungen der berühmte Ausspruch überliefert:

„Wenn einst Gott Abraham verheißen hat, er werde Sodom nicht verderben, wenn auch nur zehn Gerechte darin seien, so hoffe ich, dass Gott Deutschland um unseretwillen nicht vernichten wird. Niemand von uns kann über seinen Tod Klage führen. Wer in unseren Kreis getreten ist, hat damit das Nessushemd angezogen. Der sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine Überzeugung sein Leben hinzugeben.“

Die enge Verbundenheit des Adels mit dem Nationalsozialismus

Diese Gründe aus der Tradition der Attentäter für den Widerstand stand aber die enge Verwobenheit des Adels mit dem NS Regime entgegen. Denn nach der Ende des Ersten Weltkriegs und dem Frieden von Versailles waren die meisten Adeligen keinesfalls überzeugte Demokraten. Vielmehr sehnte sie sich schon noch zu der Zeit als Kaiser Wilhelm II noch an der Macht war, nach einer starken Führungspersönlichkeit (Malinowski, Vom König zum Führer. Deutscher Adel und Nationalsozialismus, 2004). Diese erblickten sie in Adolf Hitler. Claus Graf Schenk von Stauffenberg zum Beispiel war lange Zeit ein Sympathisant Hitlers.

Die politische Sozialisation des militärischen Widerstands war also sowohl hemmend als auch auslösend für den Entschluss zum Attentat gegen Hitler.

Zur Hauptseite der Reihe über den Widerstand gegen Hitler

 

 

 

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