Motive für den militärischen Widerstand

Lange Zeit tat sich die deutsche Öffentlichkeit mit dem Gedenktag des 20. Juli 1944 schwer und tut es auch in Teilen noch heute. Dafür gab es mannigfaltige Gründe: So erschienen in der Nachkriegszeit beispielsweise die Attentäter des 20. Juli als Verräter. Zugleich hielten sie aber auch der schweigenden Masse der Menschen, die dem NS-Regime all die Jahre widerstandslos gefolgt waren einen Spiegel vor. Ein weiterer Grund, warum man sich in Deutschland so schwer mit der Ehrung der Männer des 20. Juli 1944 tat, ist die Frage nach den Motiven, die die Attentäter um Claus Graf Schenk von Stauffenberg zu den Anschlagsversuchen und dem Mordversuch vom 20. Juli 1944 brachten.

Vorgeworfen wurde der Gruppe um Stauffenberg, dass die Ausführung der Operation Walküre, des Versuchs das NS-Regime zu stürzen, viel zu spät gekommen sei und man damit letztlich nur noch retten wollte, was zu retten war.

Doch diese Annahme ist heute von der Forschung widerlegt. Denn sie übersieht nicht nur die Komplexität des Unterfangens. Sie übergeht auch die Motive eines jeden Einzelnen der Attentäter. Die Gruppe um Henning von Tresckow und Claus Graf Schenk von Stauffenberg hatte schon vor weit dem ersten Attentatsversuch 1943 den Entschluss gefasst, den Führer zu beseitigen.

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Henning von Tresckow, Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-1976-130-53/CC-BY-SA 3.0

Wenn auch die militärische Entwicklung des Unternehmens Barbarossa einen Grund gab, die militärische Führung zu stürzen, war das Hauptmotiv nach Angabe des einzigen Überlebenden Friedrich Freiherr von Gersdorff ein anderes. Das Motiv, das letztlich die Stauffenbergs, Treschkows und von Gersdorffs dazu brachte, den Staatsstreich zu wagen, war der Vernichtungskrieg und Judenmord der Nazis. Als das ausschlaggebende Ereignis war dabei laut dem Münchner Historiker Johannes Hürter die Ermordung aller Juden des Ortes Borrisow in Weißrussland am 20./21. Oktober 1941. Vorher hatte die Männer um Tresckow und Gersdorff in der Leitung der Heeresgruppe Mitte noch mit Ignoranz auf die ihnen bekannten Massenmorde an jüdischer Intelligenz und Kommisaren reagiert. Sie waren für sie teilweise als kriegswichtig akzeptiert. Ab dem Zeitpunkt aber, wo das Morden immer hemmungsloser wurde und auch die Judenverfolgung in der deutschen Heimat immer extremere Formen annahm, erkannten sie, dass dagegen vorgegangen werden musste. Dies geschah fraglos nicht nur aus ethischen Motiven, sondern auch – angesichts der drohenden Niederlage und der Angst der drohenden Konsequenzen für die unfassbaren Verbrechen, deren Dimension 1941 nur in geringem Maße abschätzbar waren.

Zusammenfassung: Der militärische Widerstand hat anfangs den Mord an Juden toleriert. Erst als ihm das Ausmaß der Morde in Deutschland und im Kriegsgebiet klar wurde und auch die Niederlage sich abzuzeichnen begann, entschloss man sich zur Tat.

Quelle: HÜRTER, Johannes: Auf dem Weg zur Militäropposition: Treschkow, Gersdorff, der Vernichtungskrieg und der Judenmord, in: Vierteljahreszeitschrift für Zeitgeschichte, (52),3, 2004, S. 527- 562.

 

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