Geschichte wiederholt sich nie!

„Angela Merkels Europapolitik und Chinas Vorgehen und Chinas Vorgehen im Pazifik lassen ahnen, dass sich jede Geschichte wiederholen kann – auch die schrecklichste.“, glaubt Jakob Augstein in seiner Kolumne auf Spiegel Online. Mit dieser Aussage beginnt er einen Artikel, der voller absurder Argumentationen ist. Denn schon die Behauptung „jede Geschichte kann sich wiederholen“ ist schlichtweg Unsinn. Die Menschheit entwickelt sich stets weiter und die Bedingungen heute sind nicht zu vergleichen mit denen 1914.

Augstein nimmt die Politik Chinas im Konflikt um die Sekuku Inseln und das Verhalten Deutschlands als Ausgangspunkte für mögliche neue Kriege, die ähnliche Ausmaße annehmen könnte, wie der Erste Weltkrieg. China, so schreibt er, ließe sich nämlich von der gleichen Verblendung leiten, die einst die Deutschen zugrunde richtete. Und auch die Deutschen hätten es nicht begriffen: „der Kontinent lässt sich nicht ungestraft dominieren. Weder von ihren Waffen noch von ihrer Wirtschaft glaubt er.“
Ignorieren wir an dieser Stelle mal „die Verblendung“ an der die Deutschen gelitten hätten. Über die Entstehung des Esten Weltkriegs lässt sich- und das ist (leider) die einzige Wahrheit in Augsteins Artikel- hervorragend in Chris Clarks neuem Buch „Sleepwalkers- How Europe went to war“ nachlesen.

Aber die These, die Deutschen wollen den Kontinent dominieren, ist natürlich völliger Unsinn. Jeder weiß in welcher schwierigen Rolle unser wirtschaftlich starkes Deutschland ist. Wir müssen, ja wir sollen der Leader in Europa sein. Wir wollen es aber nicht. Was wir wollen, ist das die europäischen Staaten, die momentan schwächeln, stark werden. Keinesfalls wollen wir, das alle so werden wir. Das wäre ganz furchtbar. Denn jeder, der schon mal mit seinen europäischen Nachbarn gesprochen hat, weiß, dass wir alle viel positive) voneinander lernen können. Und gerade das agonale, der ständige Wettkampf untereinander (der sich jetzt auf das ökonomische Feld verschoben hat) von dem Christian Meier in seinem schönen Buch „Kultur um der Freiheit Willen- Griechische Anfänge, Anfänge Europas“ schreibt, ist das Element, das Europa über viele Jahrhunderte so bedeutend in der Welt gemacht hat. Augstein behauptet, dass die deutsche Rechthaberei in den Krieg geführt habe und ein „berückendes Augusterlebnis“ ausgelöst habe. Es wäre dem Autor an dieser Stelle zu empfehlen gewesen, wenigstens mal zu recherchieren, bevor er alte, von der Forschung längst massiv in Frage gestellte Märchen verbreitet. Denn das Bürgertum mag damals zwar von einer gewissen Kriegsbegeisterung erfasst worden sein. Das war aber nur eine Minderheit. Die Mehrheit der Deutschen lehnte den Krieg wohl ab. Denn besonders für die Landbevölkerung war er schlicht existenzbedrohend (Ein Blick in Wikipedia hätte dazu gereicht).

Augstein behauptet weiter, das ein großer Krieg für den Zeitgenossen damals genauso unwahrscheinlich gewesen wäre, wie er uns heute erscheint. Wieder irrt Augstein. Denn wir Europäer, die wir in einer Zeit unglaublichen Friedens aufgewachsen sind, sind die alten Zeiten nicht mehr gewohnt. Die Zeiten haben sich zum Glück verändert. Im Leben der Menschen im 19. Jahrhundert war Krieg aber keine Seltenheit. Machen wir uns klar, dass die Männer, die in den Ersten Weltkrieg zogen, die Erinnerung an Einigungskriege im Kopf hatten. Krieg war damals noch ein normales Mittel der Politik. Eine Sichtweise, die die beiden totalen Kriege des 20 Jahrhunderts veränderten. Die Franzosen kämpften mit der Erinnerung an den deutschen Siegfrieden von 1871, der Ihnen Gebiete entriss, und ihnen schwere Reparationen auflegte. Der Krieg 1914 war alles andere als unwahrscheinlich.

Die europäischen Staaten waren zudem nicht so stark miteinander verflochten, wie sie es heute sind. Es gab keinen EU, keine freien Grenzen und kein ERASMUS Programm, das es vielen Studenten ermöglicht, in anderen europäischen Gesellschaften zu leben. Das alles vergisst Augstein.

Vielmehr glaubt er, das, wer es wolle, düster in das kommende Jahr blicken könne: Wie von einer unheimlichen Mechanik werde die Geschichte in die eigene Wiederholung getrieben. Und wir würden ahnen, dass wir nicht in Sicherheit seien. Gottseidank wollen wir das aber nicht, Herr Augstein.