Die Zukunft Europas

 

Die Eurokrise beschäftigt uns fast täglich. Jeden Tag gibt es neue Hiobsbotschaften. Kaum hat die Politik ein  Problem gelöst, gibt es ein neues. Die Politik reagiert stets nur auf die Aktionen der Finanzmärkte. Aber sie löst das Problem der Eurokrise nicht.

Das ist allerdings auch nicht ganz einfach. Die von führenden Ökonomen wie Paul Krugman präferierten Eurobonds, die letztlich eine Transferunion bedeuten, sind keine Lösung. Denn sie sind dem Wähler nicht zu verkaufen. Schließlich könnte kein Deutscher begreifen, wenn unsere Steuergelder (was de facto durch die Stabilitätsmechanismen bereits passiert) an die Griechen wandern, die über jahrzehntelang schlecht gewirtschaftet haben. Abgesehen davon, dass sie wieder nur einer dieser Eliteideen ist, die Europa nach ihren Vorstellungen formen wollen, die Bürger aber dabei nicht fragen. Die europäischen Staaten sind mit zu unterschiedlichen Bedingungen in den Euro eingestiegen. Dieser Geburtsfehler lässt sich jetzt schwer beheben.

Doch wie sieht die Zukunft Europas aus? Wie wird Europa aussehen, wenn sich die europäischen Politiker erfolgreich durch die Krise wursteln? Momentan sieht es so aus, als würde die Krise in den südeuropäischen Ländern länger andauernde Folgen haben. Die Sparmaßnahmen der Regierungen und die dadurch umso mehr schwächelnde Wirtschaft hat unter anderem auch eine immens hohe Arbeitslosigkeit  unter der Jugend und damit der Zukunft Europas zur Folge. Geeinte Europäer schafft man dadurch nicht. Vielleicht wird eher das Gegenteil der Fall sein. Die verbrannte deutsche Flagge in Athen und die Nazivergleiche in griechischen Zeitungen deuten in diese Richtung. Wie die Wahlen in Griechenland zeigen, führen die Auswirkungen der Krise zur Entfremdung zwischen den Europäern.

Aber nicht in der Entfremdung liegt die Lösung sondern in größerer Einheit. Müssen wir dazu die Nationalstaaten überwinden? Nein. Offengestanden will das auch keiner. Der Althistoriker Christian Meier sieht gerade im agonalen, dem Wettstreit zum Beispiel bei den olympischen Spielen, den er in im Europa der Neuzeit fortgesetzt sieht, das was Europa stark macht. Der Wettstreit der Europäer hat Europa bzw. den einen oder anderen europäischen Staat sehr mächtig gemacht. Im europäischen Wettstreit errangen die Briten zum Beispiel ihr Empire. Er hat aber auch sehr, sehr viel Leid gebracht. Ein Konkurrenzkampf unter den Europäern scheint in Zeiten immer größerer Integration und Vereinigung kaum noch möglich. Es geht nicht mehr gegeneinander, sondern nur noch miteinander. Trotzdem wir kaum jemand beginnen, seine Nationalität aufzugeben und nur noch als Europäer zu denken. Das ist auch gut so. Denn was wäre Europa ohne den Wettkampf im Sport, die Abneigung, die wir gegenüber den Holländern empfinden, wenn es um das Duell der Nationalmannschaften geht.

Und keiner der Bewohner der südlichen Staaten wird anfangen, sich zu verhalten wie wir Deutsche. Auch das ist gut so. Denn Faulheit ist den Menschen im Süden Europas kaum vorzuwerfen. Sie sind jahrzehntelang Opfer korrupter Regierungen gewesen, die ihre Länder mit Nepotismus und keiner nachhaltigen Finanzpolitik im Sinne des eigenen Machterhalts regiert haben. Das die Bürger dieser Staaten davon auch gehörig profitiert haben, steht außer Frage. Aber der Mensch opponiert eben relativ selten dagegen, wenn er von Entscheidungen des Staates profitiert. Oder haben Sie schon mal Hunderttausende von Menschen auf die Straßen gehen sehen, wenn der Staat die Steuern, oder das Renteneintrittsalter senkt?

Die Menschen in den südlicheren Staaten Europas haben einfach eine andere Lebensauffassung. Und wer sie genauer besieht, wird feststellen, dass sie damit sehr gut fahren. Denn sie haben ein deutlich entspannteres Leben. Ein bisschen mehr des Lebensgenusses würde uns Deutschen auch gut tun. Das Leben leichter nehmen, als es ist. Die Vielfalt ist das, was Europa ausmacht. Sie muss erhalten bleiben. Wir Europäer können viel voneinander lernen.

Aber wie lösen wir jetzt dauerhaft die Krise, ohne Europa zu germanisieren, wie es in letzter Zeit häufig in italienischen Zeitungen zu lesen war? Die Antwort hätte schon vor der Einführung des Euro geholfen. Man muss dem Projekt Europa Zeit geben. Viel Zeit. Die europäischen Staaten hatten sich nach dem Zweiten Weltkrieg wirtschaftliche völlig anders entwickelt. Die politische Einführung des Euro, um mit aller Macht das Projekt der europäischen Einigung umzusetzen, war ein Fehler. Diesen Fehler gilt es nicht zu wiederholen. Man muss die anderen, schwächeren europäischen Staaten wirtschaftlich fördern, sodass sie nach und nach auf das Niveau der nordeuropäischen Staaten kommen. Dass das nicht leicht wird, ist unbestritten. Auch weil wir Deutschen von der wirtschaftlichen Schwäche der anderen Staaten profitiert haben. Und unseren Status als Exportmacht Nummer eins vielleicht irgendwann abgeben müssen. Aber das muss man wahrscheinlich in Kauf nehmen, für ein einiges und friedliches Europa, das in der Welt auch ein gehöriges Wort mitreden möchte. Und es wird lange dauern, sehr lange.