1. Die Geburt Roms- Gründungsmythos oder Realität?

Nachdem man im November des Jahres 2007 bei archäologischen Grabungen in der Nähe des Palastes des Kaiser Augustus auf dem Palatin auf eine Höhle stieß, sprachen einige Menschen von einer Sensation. Man glaubte hier die „Lupercal“, die Höhle also, in der einst eine sagenumwobene Wölfin, die beiden ausgesetzten Zwillinge Romulus und Remus gesäugt haben soll, gefunden zu haben. Der italienische Archäologe Andrea Carandini, der gleichzeitig einer der größten Verfechter der These ist, dass die sagenhafte Gründung Roms im achten Jahrhundert vor Christus durch Romulus wirklich so geschehen ist, nannte sie „eine der großartigsten Entdeckungen die je gemacht wurden“. Erhärtet sie doch nach der Entdeckung der Mauer, die Romulus einst gebaut haben soll durch Carandini selbst, dessen These umso mehr.

Doch stellt man die These, dass einst wirklich ein Romulus Rom gegründet haben soll in den Gesamtkontext der bisherigen Forschungsmeinungen, so wird man sehen, das Carandini und seine Mitstreiter recht allein mit ihren Vermutungen dastehen. Meiner Ansicht nach wird man feststellen müssen, das die Thesen derer, die die Gründung Roms Mythos sein lassen und sich damit beschäftigen Erklärungen für die Entstehung und Bedeutung desselben zu finden durchaus überzeugender sind. Denn allein die Existenz von Mythen im alten Rom ist Objekt reger Diskurse in der Altertumswissenschaft.  Fritz Graf zum Beispiel ist zwar von der Existenz des Mythos in Rom überzeugt, glaubt aber, dass dieser von vorne herein als Fiktion gegolten habe, während Mythen  im alten Griechenland „geglaubte Vergangenheit“ gewesen seien. Wenn dies sicher bewiesen wäre, würde sich meine nun folgende Arbeit vollständig erübrigen. Da es dies aber offenbar nicht ist und sich eine Vielzahl von Althistorikern und Archäologen mit der Frage nach der historischen Wahrheit des Gründungsmythos beschäftigten, werde auch ich über diese These hinwegsehen. So werde ich im Folgenden den Mythos in seine Einzelteile zerlegen, um den wirklichen Gründen für dessen Entstehung und Beschaffenheit auf die Schliche zu kommen.

Romulus-Remus

2. Der Mythos

Der Mythos von der Gründung Roms wurde von einer Vielzahl von antiken Dichtern und Historikern in einer ebenso großen Vielfalt von unterschiedlichen Versionen überliefert. Zu den bekanntesten gehören die des Senators Fabius Pictor und das Werk „ab urbe condita“ vom Historiker Titus Livius. Der Gründungsmythos Roms nach Titus Livius kann kurz so beschrieben werden: Der trojanische Prinz Aeneas floh aus dem von Griechen besetzten Troja und landete nach einer Odysee in Latium wo er die Tochter des Königs Latinus heiratete und Lavinium gründete. Sein Sohn Ascanius gründete in der Folge Alba Longa. Einige Generationen später machte sich Amulius zum König, löschte die möglichen Thronfolger des eigentlich rechtmäßigen Königs Numitor aus und machte dessen Tochter Rhea Silvia zur Vestalin. Diese wurde von Kriegsgott Mars geschwängert und ihre beiden Söhne von Helfern des Amulius in der Absicht sie zu töten im Tiber ausgesetzt. Daraufhin rettete eine Wölfin die beiden Kinder, die wenig später vom Hirten Faustulus aufgefunden und aufgezogen wurden. Amulius illegale Taten flogen auf und Numitor wurde rechtmäßiger König. Seine Enkel Romulus und Remus beschlossen nun selbst eine Stadt zu gründen. Als es nach einem Auspizium in dem es darum ging, wer von beiden denn der neuen Stadt seinen Namen geben darf, zu einem Streit kam, übersprang Remus die Mauer, die Romulus zur Eingrenzung der Stadt erbaut hatte und wurde darauf von seinem Bruder erschlagen. Nun richtete Romulus ein Asyl ein, dass vielen Unfreien und Sklaven ein Zuhause gab, um die neue Stadt zu besiedeln. Später erschuf er staatliche Institutionen, so zum Beispiel zwölf Liktoren und einen Senat mit 100 Senatoren. Romulus raubte auf Grund eines Frauenmangels in Rom Frauen aus dem Volk der Sabiner und  stand mit diesen kurze Zeit später im Krieg. Dieser endete mit der Verbindung der beiden Völker und einer Doppelkönigsherrschaft von Romulus und dem Sabinerkönig Titus Tatius. Nach weiteren Kriegen, kam es zur göttlichen Auferstehung des Romulus, oder wie es in anderen Versionen des Mythos heißt, zu dessen Ermordung. Romulus erschien später noch mal Proculius Iulius  und soll diesem prophezeit haben, dass Rom die Hauptstadt des Erdkreises werde und das römische Volk sich im Kriegswesen üben solle.

Dieser Mythos ist in der hier dargestellten Weise nicht als ein Ganzes zu betrachten, sondern ist vielmehr eine Art Puzzle aus mehreren verschiedenen Sagen, die alle ihre ganz eigene Bedeutung haben. Aber auch aus Ereignissen, die aus der Geschichte der Römer in die Gründungslegende Einzug gehalten haben. Die Art und Weise der Überlieferung und auch die Herkunft der unterschiedlichen Mythen spielte dabei meiner Meinung nach eine große Rolle. Dies möchte ich einerseits mit der These Timothy P. Wisemans begründen, nachdem die Mythen im alten Rom Inhalt von Theaterstücken wurden. Sie erfuhren dort, möglicherweise auf Grund aktueller politischer und gesellschaftlicher Geschehnisse, die in die Theaterstücke eingebaut wurden, eine Umwandlung. Beim Gründungsmythos sind, wie ich noch im späteren zeigen werde, allerdings nur die wirklich wichtigen die gesamte römische Gesellschaft in entscheidender Weise beeinflussenden Ereignisse eingeflossen. Auch die Gründungsmythen Roms, die außerhalb der Apenninen Halbinsel vor allem in der hellenistischen Welt entstanden und dann in Rom einsickerten, könnten den römischen Gründungsmythos verändert haben.

Zudem muss man den römischen Gründungsmythos als ein Stereotyp der Antike sehen. Die Stadtgründung durch zwei Brüder und einzelne Ereignisse in der Legende sind nämlich nicht eine Einzigartigkeit der Römer, sondern tauchen in leicht abgewandelter Form in Gründungsmythen in zahlreichen Ländern der antiken Welt auf. Mythen von Menschen, die zur Welt kamen, um später Gründerkönige zu werden, lassen sich auch in Persien (Cyrus), Babylon (Semiramis) und Troja (Paris und Aeneas) um nur einige Beispiele zu nennen, finden. Häufig ist der Staats-, Stammes- bzw. Stadtgründer auch aus einem unregulären Zeugungsakt zum Beispiel einem Gewaltverbrechen oder einer wunderlichen Zeugung durch einen Gott oder auch beidem entstanden. Dies lässt sich zum Beispiel an Ion, dem Stammesvater der Ionier, Semiramis und Aeneas, der zum Beispiel Sohn der Aphrodite gewesen sein soll, zeigen. Aber eben auch am Beispiel der römischen Zwillinge, deren Mutter Rhea Silvia von Mars vergewaltigt wurde. Fast genauso oft ist der Auftrag zum Mord des Gründers durch einen tyrannischen König zu finden, der letztlich von selbigem ermordet wird (Cyrus, Perseus). Die am häufigsten zu findende Gemeinsamkeit ist aber die die Säugung der Gründer/des Gründers durch ein Tier. So zum Beispiel Semiramis von einer Taube, Paris von einem Bären und Romulus und Remus von einer Wölfin. Auch auf der Apenninenhalbinsel findet man derartige Mythen noch häufiger. So zum Beispiel in Bologna, in dessen Gründungslegende eine Löwin eine Rolle spielt.

2.1 Der Aeneas Mythos

Der erste Bestandteil des Gründungsmythos ist die Sage von der Ankunft des Aeneas in Latium. Diese war laut den Sagen nicht die erste Landung von Griechen auf dem Gebiet der späteren Römer. Die ersten griechischen Einwanderer waren Dyonisios von Halikarnassos zu Folge die Arkader, die in Süditalien sieben Generationen vor dem Beginn des trojanischen Krieges gelandet sein sollen. Später seien auch griechische Pelasger aus Argos nach Italien gekommen. Nach diesen kam, glaubt man der Überlieferung, Euander nach Italien und hatte dort als erster Grieche Kontakt mit den Ureinwohnern, nämlich mit König Faunus. Dieser war einer der alten latinischen Götter, die in dem Bestreben der Römer ihre Vergangenheit weiter zurückverfolgen zu können, zum König der Latiner gemacht wurde. Euander soll auch die erste Siedlung auf dem Palatin gebaut haben. Als nächstes seien dann der griechische Held Hercules (im griechischen Herakles) und später Aeneas und die Trojaner nach Italien gekommen. Der  Althistoriker Tim J. Cornell geht davon aus, dass nicht eine dieser griechischen Mythen in Italien einen wahren historischen Hintergrund besitzt.

Vielmehr sind die Mythen von der Ankunft von Griechen auf der Apenninen- Halbinsel Ausdruck  für einen „hellozentrischen“ Blick auf die Vorgeschichte der Länder des Mittelmeerraums. So gibt es in vielen Ländern dieser Region Mythen, die von einem griechischen Ursprung künden. Der Beginn des Gründungsmythos ist deshalb auch nicht für historisch authentisch zu halten, sondern in einem ganz anderen Kontext zu verstehen.

Er zeugt von dem großen Ansehen der  Griechen in der antiken Welt, deren eigene Variante der Gründung Roms (zum Beispiel in den Werken von Hellanicus von Lesbos) von Ureinwohnern Italiens in den italischen Gründungsmythos aufgenommen wurde. Speziell die Adaption des Aeneasmythos, den die Legende als neuen Herrscher von Troja vorbestimmt, das von einigen Griechen aber auch Römern wie dem Dichter Ovid im neu gegründeten Rom gesehen wurde, ist ein Indiz dafür.  Ein mit ausschlaggebender Grund der Aufnahme des Aeneas in den Gründungsmythos sind seine Charaktereigenschaften. Er, der trojanische Held, der aus dem von den Griechen eroberten Troja fliehen kann und es noch schafft seinen Vater auf dem Rücken und die trojanischen Schutzgötter, die Penaten, zu retten, verkörpert viele Eigenschaften, wie zum Beispiel die Liebe zum Vaterland, die die Römer auch gerne für sich selbst beanspruchten. So kam es auch, dass rund 50 römische Familien sich  als Nachkommen des Aeneas sahen. Das bekannteste Beispiel dafür mögen die Iulier sein. Diese sahen sich als Nachfahren des Iulus, eines Sohns des Aeneas. Oktavian sah sich sogar später als Nachfolger des Romulus, in dessen Tradition er sich nach dieser Argumentation sehen wollte und dies unter anderem mit dem Bau seines Palastes auf dem Palatin, also auf dem Berg an dem auch Romulus der Legende nach einstmals gewohnt hatte, sichtbar machen wollte. Auch erwies sich im späteren der Rückbezug auf die angeblichen trojanischen Vorfahren als vorteilhaft in der römischen Außenpolitik.  Dies führte nämlich erstens dazu, dass die Römer in die hellenische Welt integriert waren. Zweitens konnte die Verwandtschaft mit Troja als Anlass genommen werden, um auf griechischem Territorium zu intervenieren, wenn „Blutsverwandte“ Völker bedroht waren und verhinderte es dort, so wie beim dem Einschreiten des T. Quinctius Flaminus, „aus dem Volk des Aeneas“ im Jahre 197 bei Kynoskephelai, als  fremde Macht gesehen zu werden. Drittens wurde die trojanische Abstammung auch zu Propagandazwecken unter anderem gegen die Karthager genutzt.

2.2 Der Mythos von Romulus und Remus

Der zweite Teil des Mythos ist die Gründungslegende Roms mit Romulus und Remus als den beiden Hauptdarstellern. Diesen Mythos könnte man allerdings auch als die Verschmelzung zweier Mythen sehen. Denn allein die Existenz des Remus ist in der Forschung mehr als umstritten. Vor allem dessen Anwesenheit in der Gründungssage hat zu vielen Kontroversen geführt und diskutiert wird vor allem darüber, ob Remus zum ältesten Teil der Legende gehört, oder doch eher nachträglich eingefügt wurde. Dafür spricht zum Beispiel, dass Remus wahrscheinlich einstmals Romos (Rhomos) hieß und aus einem griechischen Mythos über die Gründung Roms stammt, in dem dieser der alleinige Gründer Roms war. Diese Überlieferung tauchte erstmals bei dem griechischen Historiker Xenagoras um das Jahr 300 v. Chr. auf, aber sie war wahrscheinlich schon am Ende des vierten Jahrhunderts bekannt. Jener Romos wurde dann, so argumentiert zum Beispiel Jürgen Hillen, vom sizilianischen Historiker Alkimos, der schon um 350 v. Chr. auch Romulus kannte, mit dem römischen Mythos verknüpft und zum Bruder des Romulus gemacht.

Auch die Römer übernahmen nun offenbar die griechische Gestalt des Romus und integrierten sie in ihren Gründungsmythos. Da es aber in der römischen Sprache keinen Romus gab, wurde der Name in den im römischen Raum geläufigen Namen Remus umgewandelt. Für die nachträgliche Einfügung des Remus gibt es Theodor Mommsen zu Folge auch klare Indizien in dem Gründungsmythos. Da der Sage nach Romulus und Remus in der Lupercal auf dem Palatin von der Wölfin gesäugt wurden, stand dieser Berg als Gründungsort der künftigen Stadt fest. Die Auspizien aber, die über den Gründungsort entscheiden sollten, fanden auf zwei verschiedenen Bergen, dem Aventin und dem Palatin statt, sodass so nun auch zwei Orte für die Stadtgründung in Frage kämen. Die Existenz zweier Auspizien scheint wie der Gebrauch des Auspiziums selbst beim Gründungsakt, sehr unwahrscheinlich. Bei einem Auspizium war es nämlich nicht möglich zwei Entscheidungen zu treffen, die aber im Falle der Auspizien des Brüderpaares gefällt hätten werden müssen. Eines nämlich über die Frage, ob der Ort von den Göttern als günstig empfunden wurde und eines über den Herrscher/ Namensgeber der neuen Stadt. Dieser Widerspruch im den Auspizien lässt darauf schließen, dass es ursprünglich nur ein Auspizium gab und erst als Remus in die Legende eingefügt wurde, das zweite notgedrungen hinzugefügt wurde.

Die Geschichtswissenschaft zögerte jedoch nicht lange, trotz dieses Widerspruchs, nach einem tieferen Sinn in der Einfügung des Remus in die Legende zu suchen. Die Verknüpfung der beiden Mythen durch Alkimos scheint offenbar für viele keine ausreichende Erklärung zu sein.

So argumentierte der deutsche Althistoriker Niebuhr zum Beispiel, dass die Zwillinge sowohl als Sinnbilder für Doppelstaatlichkeit als auch für den Versuch durch sie ihre Gemeinschaft zu erklären, stünden. Er glaubte an eine Stadt mit Namen Remoria, die Beziehungen zu Rom gehabt hatte und irgendwann mit Rom zusammenging und dessen Gründer Remus dann in die Gründungssage von Romulus aufgenommen wurde. Des Weiteren sieht er seine Theorie der Doppelstaatlichkeit auch mit einem Zusammengehen der Sabiner und Römer begründet. Eine andere These vertritt der Italiener Carcopina. Er hält die Zwillinge für Repräsentanten des Bündnisses zwischen Rom und Capua, das die beiden Mächte im ersten Samnitenkrieg (341 bis 344 v.Chr.) geschlossen haben. Als Capua aus diesem Bündnis ausschied, musste Remus verschwinden. Diese beiden Theorien sind meiner Ansicht nach allerdings wenig stichhaltig. Zwar ist das Zusammengehen zweier Städte zu einer einzigen, wie sich am Beispiel von Buda und Pest zu Budapest zeigen lässt, keine Besonderheit, doch ist über die Existenz einer Stadt Remoria  meines Wissens nichts bekannt. Dyonisios von Harlikarnossos und Plutarch berichten von einem Berg Remoria auf dem Remus sein Auspizium abgehalten habe, nicht aber von einer Stadt. Dieser ist entweder identisch mit dem Aventin oder mit einem Berg in der Nähe des Tibers. Davon, dass es dort eine Siedlung gab, ist aber nichts bekannt. Carcopinas These ist vielleicht gar noch unwahrscheinlicher. So findet man zwar Romulus als Eponym für Rom,  aber Remus hat von der Wortherkunft nichts mit Capua zu tun.  Zudem muss man nach der Bedeutung des Bündnisses mit Capua fragen. Dieses  Bündnis müsste so entscheidend für die römische Geschichte oder zumindest der Menschen zu der damaligen Zeit gewesen sein, sodass es Eingang in die Gründungslegende finden musste und diese Berechtigung im Laufe der Jahrhunderte nicht verlor. Dies war es aber meiner Ansicht nicht, da zum Beispiel das spätere Bündnis mit den Latinern sicher bedeutender war.

Die Meinung, dass die Zwillingsbrüder für eine Zweiheit in der römischen Geschichte oder Gesellschaft standen, wurde aber auch weiterhin aufrechterhalten und nur mit neuem Inhalt gefüllt. Theodor Mommsen glaubte, dass durch Romulus und Remus die staatliche Institution der Konsuln in den Mythos aufgenommen wurde. So konnten diese beiden untereinander ausmachen, wer von beiden das Rutenbündel trug, ähnlich wie die beiden Zwillingsbrüder per Auspizium entschieden, wer von beiden der neuen Stadt seinen Namen geben sollte.

Timothy Wiseman entwickelte Mommsens These noch etwas weiter. In seiner Argumentation stehen Romulus und Remus für die konstitutionelle Dualität im römischen Staate: dem Antagonismus zwischen Plebejern und Patriziern. Er verbindet Mommsens Konsuln mit den beiden römischen Ständen, indem er durch das „Gesetz von 342“, das seiner Ansicht nach besagte, dass einer der beiden Konsuln Plebejer sein musste, die Dualität der Plebejer und Patrizier mit der Argumentation Mommsens verknüpft.

Jürgen von Ungern Sternberg sieht, von der Streitfrage um die Figur des Remus gänzlich unbeeindruckt, in den Gründungsmythen ein Mittel, um „das Wesen der Stadt und ihre Geschichte“ zu definieren. Diese seien stets ein Spiegelbild der Gesellschaft, der jeweiligen Zeit ihrer Entstehung. Dies lässt sich zum Beispiel unter anderem an der angeblichen Ermordung des Romulus durch die Senatoren auf dem Marsfeld, die doch frappierende Ähnlichkeit mit dem Tod Iulius Caesars aufweist, zeigen.

Erklärt wird durch fast alle diese Theorien aber freilich nicht, warum Remus wieder schnell aus der Gründungslegende verschwindet.

Dazu liefern unter anderem Andrea Carandini und Theodor Mommsen einen weiteren Ansatz. Carandini sieht Romulus und Remus als Nachkommen der so genannten Laren, der Schutzgötter der Römer. Diese traten meist zu zweit auf, sowie das Paar Picus und Faunus und eben auch Romulus und Remus. Innerhalb der Laren unterschied man zwischen den Heroen der Unordnung (lemures) und den Heroen der Ordnung (parentes). Im Falle von unseren beiden Königskindern wäre nach dieser Variante Romulus der Heros der Ordnung und Remus dementsprechend der Heros der Unordnung. Die Parentes müssen Carandini zu Folge immer überlegen sein, wodurch Romulus Sieg und auch sein Mord an Remus zu erklären wäre.

Theodor Mommsen glaubt, dass der Remus – Mythos zwar mit der Romulus Legende verwoben wurde, aber auf Grund des Mangels an Bedeutung für die Römer wieder aus dem Mythos entfernt wurde. Aus dieser Vielzahl von verschiedenen theoretischen Ansätzen könnte man nun den Versuch unternehmen die „Eine“ Wahrheit zu konstruieren. So könnte zum Beispiel der Remus Mythos durch Alkimos mit dem Romulus Mythos verbunden und anschließend von den Römern auf ihre Gesellschaft bezogen worden sein. Sie könnten damit versucht haben gesellschaftliche Phänomene wie die Auseinandersetzungen zwischen Plebejern und Patriziern in den Gründungsmythos hinein zu bringen. Da Mythen damals in Form von Theaterspielen aufgeführt wurden, die nicht selten dazu genutzt wurden, um auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam zu machen, scheint dies nicht unrealistisch. Das Verschwinden des Remus bleibt dann allerdings zweifelhaft. Anders herum  könnte zwar Carandinis Theorie stimmen, was dann aber alle anderen Theorien unwahrscheinlich erscheinen lässt. So muss man feststellen, das vieles so sein kann, nichts aber so sein muss und offenbar mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet sind.

 

3. Bringt die Archäologie den Beweis?

Nachdem nun der Mythos weitgehend zerstört vor uns liegt, gilt es zu untersuchen welche materiellen Hinterlassenschaften denn seine Existenz trotzdem beweisen könnten. Die am Palatin gefundene Höhle, die im Verdacht steht, die Höhle in der die Wölfin einst die Zwillinge Romulus und Remus gesäugt haben soll, gewesen zu sein, ist nicht die erste Entdeckung in Rom, die für eine Historizität, das heißt das wirkliche Geschehen des Gründungsmythos, spricht. Der erste Fund gelang dem italienischen Archäologen Giacomo Boni schon im Jahre 1899. Dieser entdeckte „zufällig“ bei Grabungen auf dem Forum in unmittelbarer Nähe des Triumphbogens des Septimius Severus einen schwarzen Stein, auf dem in sehr altem Latein unter anderem das Wort „rex“ geschrieben stand. Dieser „lapis niger“ (Schwarzer Stein) konnte nun sehr leicht in Verbindung mit dem Mythos des Romulus in Verbindung gebracht werden. Dieser sei nämlich, so erzählt die Überlieferung des Festus, unter einem schwarzen Steinblock begraben worden.

Der zweite Fund ist die Mauer des schon erwähnten Andrea Carandini auf dem Palatin. Diese soll nach Carandini die Mauer sein, die Romulus einst als Abgrenzung seiner neuen Stadt baute und die zum Objekt des Streits wurde, den Remus dann mit dem Tode bezahlte. Doch was sagen uns diese Funde?

Dem schwarzen Marmorblock „Lapis Niger“ werden drei mögliche Bedeutungen zugeschrieben.  Es könnte sich erstens um das von Festus beschriebene Grab des Romulus handeln. Zweitens könnte es der Ort sein, an dem Romulus einstmals von den Senatoren ermordet wurde. Die dritte Möglichkeit macht den Lapis Niger zum einem Heroon, einem Heiligtum an dem man Romulus ehrte.  Drei Möglichkeiten, die nichts beweisen. Das Grab des Romulus wurde nicht gefunden, für den Mord an Romulus gibt es keine Beweise und auch das Heiligtum des Romulus trägt nichts zum Beweis dessen reeller Existenz bei.

Die Mauer auf dem Palatin ist datiert auf das Jahr 725 v. Chr. Dies passt nun zum Gründungsdatum, das viele von uns im Schulunterricht mit dem Merksatz „753, Rom kommt aus dem Ei“ gelernt haben und das Marcus Terrentius Varro einst überlieferte. Diese Übereinstimmung kann, trotz dem man dies natürlich als überkritisch sehen könnte, einfach purer Zufall sein. So hat meiner Ansicht nach Augusto Fraschetti recht, wenn er sagt „eine Mauer ist eine Mauer ist eine Mauer“. Sie passt zur Überlieferung des Gründungsmythos, muss aber nicht tatsächlich diejenige welche sein.

Mit der jüngst gefundenen Höhle auf dem Palatin verhält es sich nur wenig anders. Nachdem man lange rätselte, ob es denn überhaupt eine Höhle gab und man sich noch mehr darüber stritt, wo diese denn sei, bedeutete der Fund einer Höhle nun natürlich eine Bestätigung für all jene, die an den Gründungsmythos glaubten.  Doch schon der Fundort der Höhle gilt als umstritten. Während man vor deren Entdeckung lebhaft darüber stritt, wo die Höhle denn zu verorten sei und die Forschungsmeinungen sie an der  Nordwest- oder  Südwestseite des Palatin Hügels vermuteten, ist auch trotz des Fundes der Höhle der Diskussion heute kein Ende gesetzt.  Adriano La Regina, der Chef der italienischen Archäologiebehörde, glaubt zum Beispiel nicht daran, dass es sich bei der gefundenen Höhle um die sagenumwobene Lupercal handelt. Diese müsste seiner Ansicht nach weiter westlich liegen. Vielmehr handele es sich bei der gefundenen Höhle wahrscheinlich um einen Teil der Wohnung des Kaiser Nero. Dafür scheint seiner Ansicht nach zu sprechen, dass die Ausschmückung der Grotte sehr dem Nymphäum, ein den Nymphen geweihtes Brunnenhaus in Neros domus aurea ähnelt. Der Sensations- fund“ ist also auch vielleicht gar nicht so sensationell wie zunächst erwartet und seine Authentizität mehr als umstritten.

Doch gibt es noch weitere Gründe, die die Entdeckung dieser Höhle vielleicht gar nicht so herausragend und überhaupt nicht zum Beweis für die Wahrheit des Gründungsmythos machen. Zum einen kann die Version des Mythos, indem die Zwillinge von einer wahrhaftigen Wölfin gerettet wurden, nicht als einzig richtig gelten. Denn schon Titus Livius berichtet von der zweiten Möglichkeit, dass mit dem Titel „Wölfin“ (Lupa) die Frau des Hirten Faustulus gemeint sei, die die Zwillinge aufgezogen habe. Dieser Titel sei im alten Rom für Frauen gebraucht worden, die sich prostituierten.

Zum anderen ist der Begriff  des Lupercal schon vor der Gründung Roms bekannt gewesen und  hatte möglicherweise eine ganz andere Bedeutung. Erstmals erwähnt wird die Lupercal nämlich in der  Sage von der Ankunft des Griechen Euander in Latium. Diesem wird die Einführung des Pan Kultes zugeschrieben. Passend zu diesem Kult gibt es nicht nur in einer anderen Übersetzungsvariante des Wortes Lupercal (der Platz des lycaenischen Pan), sondern auch ein Ereignis in der Gründungslegende nach Livius. Dort feiern Romulus und Remus zusammen mit anderen jungen Männern das Lupercalienfest, ein Fest, dass also schon vor der Geburt der Zwillinge bestanden haben muss. Was bei diesem Fest genau das Lupercal gewesen ist, scheint zumindest nach Ansicht von Christoph Ulf mehr als strittig. Seiner Ansicht nach ist mit Lupercal vielmehr irgendein Bauwerk, aber keine Höhle gemeint.

Ein weiteres Argument gegen die gefundene Höhle als Beweis für den Gründungsmythos könnte die Aussage sein, die Augustus in seinem Tatenbericht (res gestae) über das Lupercal macht. Er zählt nämlich eine Reihe von Bauwerken auf, die von ihm gebaut wurden. Darunter befindet sich auch das Lupercal. Nimmt man dies wörtlich, so könnte man argumentieren, dass der Kaiser selbst das Lupercal in der Nähe seines Palastes bauen ließ. Dies könnte deshalb geschehen sein, weil sich Augustus quasi als der neue Romulus sah und weil er so eine Stätte gehabt hätte, um seinem Vorgänger zu huldigen.

Andrea Carandini interpretiert das Vorgehen des Augustus aber etwas anders. Er spricht davon, dass Augustus das Lupercal habe „wiederherstellen“ lassen. Dies würde also bedeuten, dass das Lupercal noch  irgendwie existierte, aber offenbar nicht mehr zugänglich war. Man könnte also die Aussage des Augustus, abhängig davon wie man den Satz in seiner „res gestae“ übersetzt, für und gegen das Bestehen der Lupercal auslegen.

Man kann also die archäologischen Entdeckungen sicher zu einem Teil zugunsten der Gründungslegende auslegen, aber genauso auch dagegen. Der schwarze Marmorblock, die Mauer und die Höhle könnten Indizien für den realen Kern im Mythos sein, Beweise sind es aber nicht.

 

4. Die tatsächliche Entstehung

Aber wenn der Mythos trotz aller zweifelhafter Indizien die dafür sprechen nicht wahr ist, wie ist Rom dann wirklich entstanden? Schließlich wurde es ja sicher, wie ein altbekanntes Sprichwort besagt, auch nicht  „an einem Tag erbaut“.

Die ältesten Funde in Rom deuten auf eine Entstehung bereits im zehnten vorchristlichen Jahrhundert. Über die Art und Weise der Entstehung herrscht aber in der Forschung ein reger Diskurs. Der eine Teil der Forschung geht von einer Gründung Roms auf dem Palatin aus. Dafür sprechen nicht nur die Funde von Überresten von Hütten, die man dort gefunden hat, sondern auch die Mauern, die möglicherweise zur Eingrenzung der neuen Stadt dienten. Derartige Eingrenzungen, die wahrscheinlich einen sakralen Bereich eingrenzten sind keine Besonderheit Roms, sondern wurden auch in anderen Städten Italiens, wie zum Beispiel Castel Decima oder Lavinium gefunden. Erstaunlich ist, dass alle diese Mauern auf das achte Jahrhundert vor Christus datiert wurden. Auch die ungewöhnliche Häufung von Kapellen in der Nähe der Mauer auf dem Palatin, die Göttern, die für Begrenzung und Schutz zuständig waren, geweiht waren, deuten auf eine besondere Bedeutung dieser Umgrenzungsmauer.

Der andere Teil der Forschung vermutet den Ort der Gründung auf einem anderen Berg oder durch die Verschmelzung von mehreren Siedlungen. So ist beispielsweise der Palatin mittlerweile nicht mehr der Ort, an dem die ältesten Überbleibsel Roms gefunden wurden.  Auf dem Capitolshügel oder auch auf dem Forum gibt es ältere Spuren von Zivilisation. Niemand kann also mit Sicherheit sagen, dass nicht noch an einem ganz anderen Platz in Rom  ältere Spuren von Zivilisation gefunden werden. Die Funde auf dem Palatin wurden schließlich vor allem deswegen gemacht, weil an diesem Berg bisher mit die größte archäologische Tätigkeit stattfand. Wie aber der Fund der Höhle, welchem Zweck auch immer sie gedient haben mag, zeigt, ist auch auf dem Palatin möglicherweise noch  nicht alles gefunden.

Es scheint also möglich, dass der Palatin der Gründungsort der Stadt Rom war. So ist ja durchaus denkbar, dass dort auch schon vorher und auf den anderen Bergen des Bereichs der späteren Stadt Rom genauso Siedlungen existiert haben mögen, es aber erst im achten vorchristlichen Jahrhundert zu dem Entschluss kam eine fest begrenzte Stadt zu gründen. Freilich ist damit nicht gesagt, dass damit der Gründer auch Romulus hieß. Der Name des legendären Stadtgründers kommt auch höchst wahrscheinlich von der Stadt selbst: Romulus – Der Römische. Rom ist ein Wort mit tief latinischem Ursprung. So findet man laut Alexandre Grandazzi in den Zentren der Gebiete, die einst von den latinischen Hirpini Völkern bewohnt wurden, das Wort „Romulea“.

Doch auch die Variante der Fusion mehrer verschiedener Siedlungen ist immer noch eine Möglichkeit. Vielleicht hatte das Pomerium einen ganz anderen Zweck und wurde gebaut als eine stadtähnliche Struktur schon lange existierte. Die Stadtentstehung bzw. -werdung ist auch mehr als ein lang andauernder Prozess zu verstehen. Die aus dem achten Jahrhundert v. Chr. stammenden Überreste sind dementsprechend vermutlich nur ein Relikt aus einer bestimmten Phase dieses Prozesses. So bleibt zu resümieren, dass es zwar auch in der Forschung fernab des Gründungsmythos verschiedene Theorien über Roms Stadtwerdung gibt. Diese scheinen aber deutlich realistischer als die Gründung durch Romulus.

5. Fazit

Die Geburt Roms bleibt also vermutlich letzten Endes das, was sie immer war: ein Mythos. Ein Mythos, der, wie es damals in der antiken Welt Brauch war, dazu benutzt wurde, die  Herkunft des eigenen Volkes zu erklären und zu heroisieren. Ein Mythos der dazu gebraucht wurde, um den eigenen Herrschaftsanspruch zu legitimieren. Dies lässt sich am Beispiel des Romulus, der Proculus Iulius erschien, sehr gut zeigen. Der Mythos wurde auch im Laufe der Zeit immer mehr verändert. So wird Romulus zum Erfinder des Senats und anderer Institutionen, um damit den Staat in seiner Beschaffenheit zu erklären. Eine Geschichte die, welcher Art auch immer sie war, vielleicht dazu gebraucht wurde den gesellschaftlichen status quo der jeweiligen Zeit zu erklären und Ereignisse, wie den Mord an Cesar, zu thematisieren und vielleicht auch in gesellschaftskritischen Theaterstücken Ausdruck zu verleihen. Die Versuche dem Gründungsmythos historische Wahrheit zu geben, die Archäologen wie Carandini unternommen haben und wahrscheinlich auch weiterhin unternehmen werden, zeugen von der Begeisterung und der Anregung unserer Phantasie, die derartige Mythen in uns Menschen zu entfachen  wissen.  Sicher kann man nicht mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit ausschließen, dass der Gründer, oder wahrscheinlicher, einer der Gründer Roms, wie auch immer man sich diesen Vorgang nun vorstellt, Romulus hieß. Genauso wie man das Gegenteil beweisen kann. So ist die moderne Forschung über die Gründung Roms, die einst vor 200 Jahren mit Niehbur begann, noch lange nicht an ihrem Ende angelangt. Der Fund der Höhle am Palatin, welche Funktion auch immer sie in Wirklichkeit gehabt haben mag, zeigt dies und zeigt auch welche Aufregung der jahrtausende alte Mythos noch heute bei uns Menschen zu entfachen mag.

6. Literaturverzeichnis

6.1 Quellen

Augustus: Res Gestae, übersetzt von Marion Giebel, Stuttgart 1975.

Livius, Titus: Ab urbe condita. Liber I, übersetzt von Robert Feger, Stuttgart 1981.

Ovid, Publius Naso: Fasti. Festkalendar, übersetzt von Niklas Holzberg, Darmstadt 1995.

6.2 Aufsätze

Mommsen, Theodor: Die Remuslegende, in: Hermes 16 (1881), S. 1–23.

Ungern-Sternberg von, Jürgen: Romulus – Versuche, mit einem Stadtgründer Staat zu machen. In: Karl-Joachim Hölkeskamp, Elke Stein-Hölkeskamp (Hrsg.): Von Romulus zu Augustus. Große Gestalten der römischen Republik, München 2000, S. 37-47.

6.3 Artikel aus dem Internet

Badde, Paul: Kaiser Augustus lädt jetzt in seine Gemächer, in WELTONLINE, 12. Dezember 2007, URL: http://www.welt.de/ kul tur/article1452784/ Kaiser_Augustus _laedt _jetzt_in_seine_Gemaecher.html    [23.09.2008].

Bartetzko, Dieter: Sensationsfund in Rom. Ein Fest der Sinne, in: FAZ.NET, 22. September 2007, URL: http://www.faz.net /IN/INtemplates/faznet/default.asp? tpl=common/ zwischenseite.asp&dox={9B7E8CFA-10B2-8776-8128-6ED0FA579665}&rub={EBED639C-476B-4077-98B1-CE808F1F6632}  [23.09.2008].

6.4 Literatur

Carandini, Andrea: Die Geburt Roms, Turin 1997.

Cornell, Tim: The Beginnings of Rome. Italy and Rome from the Bronze Age to the Punic Wars, London 1995.

Fraschetti, Augusto: The Foundation of Rome, Edingburgh 2005.

Graf, Fritz (Hrsg.): Mythos in mythenloser Gesellschaft. Das Paradigma Roms, Stuttgart 1993.

Grandazzi, Alexandre: The foundation of Rome. Myth and History, New York 1997.

Hillen, Hans Jürgen: Von Aeneas zu Romulus. Die Legenden von der Gründung Roms, Düsseldorf 2003.

Most, Glenn W., Wilfried Nippel, Anthony Grafton (Hrsg.): Momigliano Arnaldo. Ausgewählte Schriften zur Geschichte und Geschichtsschreibung, Bd.1, Stuttgart 1991.

Ulf, Christoph: Das römische Lupercalienfest. Ein Modellfall für Methodenprobleme in der Altertumswissenschaft, Darmstadt 1982.

Wiseman, T.P: Remus. A ROMAN MYTH, Cambridge 1995.

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Peter Frankopan – The Silk Roads

Eine neue Geschichte der Welt verspricht das Buchcover von Peter Frankopans Buch „The Silk Roads“. Ein Versprechen das er nicht halten kann. Aber interessant ist es trotzdem.

Geschichte wird in unserer westlichen Sicht meistens von uns aus betrachtet: Aus der Sicht des Westens. Frankopan verspricht einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Er erzählt die Geschichte der Welt aus der Sicht der Handelsrouten und primär aus der Sicht des Okzidents. Das ist anfangs spannend und äußerst interessant. Angefangen von der Seidenstraße erzählt der Oxford Professor, wie die Seidenstraßen für das Entstehen von Reichtum, für den Aufstieg von Städten und den wissenschaftlichen Fortschritt verantwortlich war. Diese Entwicklung machten den Nahen Osten zum Zentrum der Welt, an dem für hunderte von Jahren kein Weg vorbeiführte.

Frankopan demonstriert am Beispiel von Dschingnis Kahn und der Expansion der Moslems nicht nur reger Handel entstand, sondern auch langfristige Stabilität entstand. Dschingnis Kahn hätte zum Beispiel nicht nur mit großer Drohkulisse, z.B. der Ermordung aller Menschen einer Stadt, für Respekt gegenüber der neuen herrschenden Autorität gesorgt. Er habe es auch verstanden in den neu eroberten Gebieten für stabile Herrschaftsstrukturen und damit für Stabilität zu sorgen. Genauso hätten die Muslime mit einer auf Toleranz basierenden Eroberungspolitik und einem respektvollen Umgang mit anderen Religionen für Stabilität in Ihren Gebieten die Grundlage für ein friedliches Miteinander und langanhaltenden Prosperität gelegt.

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Er zeigt, wie die italienischen Stadtstaaten wie Venedig sich durch Ihre guten Verbindungen zu Städten an der Levante und durch den regen Handel mit neuen Luxusprodukten, wie Seide und Gewürzen  zu großem Reichtum gelangten. Er zeigt aber auch, wie abhängig diese Städten von den alten Handelsrouten waren und wie die Entdeckung und Entwicklung neuer Handelswege die eine Region wirtschaftlich schwächte und für die andere den Aufstieg zu ganz neuer Wichtigkeit bedeutete: die Entdeckung Amerikas und des Seewegs nach Indien über die Route um Afrika bedeutete zum Beispiel den Abstieg der italienischen Städte und den Aufstieg Spaniens und Portugals.

Frankopan führt uns vor Augen, wie die westlichen Mächte den Ölreichtum im Nahen Osten ausbeuten, wie die lokalen Mächte sich gegen die westliche Besatzung auflehnen, der Westen vom Öl abhängig wird und den Nahen Osten in eine höchst fragile Ordnung treibt. Hier verlässt er den spannenden Weg, den er vorher gegangen ist.

Hier eröffnen sich keine neuen Handelswege mehr, sondern wir lesen einen relativ normale Geschichte vom Scheitern des Westens in der Mittelmeerregion. Erst im abschließenden Zusammenfassung macht er neue Wege auf und spricht von der neuen Seidenstraße, die China gründen will. Und er erzählt vom Reichtum der Staaten wie Aserbaidschan, die von Ihren Rohstoffquellen profitieren. Hier handelt es aber nicht durch Staaten die langfristig Bedeutung in der Welt erlangen werden. Denn Rohstoffe sind nicht mehr zwingend die Zukunft. Der Reichtum dieser Länder ist auch nicht der Reichtum von vielen.

Er sagt, dass Länder wie China zum neuen Zentrum der Welt werden könnten, weil hier Netzwerke geschaffen worden sein, die diese Region zu einer ganz neuen Bedeutung emporheben könnte. Aber so ganz verständlich wird dies nicht. Denn zu zerstritten scheinen China und seine Nachbarn zu sein. Frankopan gelingt trotz einiger Schwächen ein sehr gut lesbares, spannendes Buch, dass einem hilft, die Welt in der wir heute leben, ein Stückchen besser zu verstehen.

Gibt es einen Weg, um die Krise im Nahen Osten zu lösen?

Letzte Woche hörte ich einen sehr interessanten Vortrag. Der Mannheimer Politikwissenschaftler und Historiker Ilya Zarrouk referierte über „Autoritäre Systeme in der Arabischen Hemisphäre seit dem Ende des osmanischen Reiches und deren Konsequenzen“. Ziel des Vortrags war es aus der Geschichte seit dem Syke- Picot Abkommen die heutige Situation zu erklären.

Kernpunkte des Vortrags waren folgende:

• Das Syke Picot Abkommen ist für die Fragmentierung der arabischen Staatenwelt verantwortlich, nicht aber für Ihr Bestehen in heutige Zeit.
• Das Bild als des Westens als Feind der arabischen Welt ist eine Selbstlüge der Araber, die auf einer Verdrehung der Geschichte beruht.
• Die Rückständigkeit der arabischen Welt beruht lediglich auf der eigenen Unfähigkeit zum Fortschritt -> Die Reformation und die Säkularisierung, die im Westen zu wesentlichem Fortschritt beitrug, hat in der arabischen Welt nicht stattgefunden.
• Religion und Staat sind in der arabischen Welt immer noch auf das Engste verstrickt und verhindern den Fortschritt.
• Lösung des Konflikts: Der Einsatz von mehr MOABS wie im Südosten von Afghanistan

Der Lösungsansatz des Vortrags, der Einsatz von mehr großen Bomben gegen die fanatischen Islamisten ist freilich ein sehr überspitzter und vereinfachender Ansatz, der die Konflikte in der arabischen Hemisphäre nicht beheben wird. Er zeigt aber, wie schwierig – ja fast unmöglich- eine Lösung dieses Konfliktes ist.

Die europäischen Mächte haben lange Zeit gebraucht, um zu einem friedlichen Miteinander zu kommen. Die Bedingungen für die friedliche Zusammenarbeit sind die Trennung von Staat und Kirche, die Anerkennung klarer territorialer Grenzen, die Herrschaft des Rechts, einen hohen Bildungsstandard, Meinungsfreiheit und Demokratie.

Der Vergleich mit diesen Voraussetzungen des Friedens und des Wohlstands zeigt, dass der arabische Raum weit entfernt ist, von den Bedingungen, die in Europa für Frieden und Wohlstand sorgen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Dinge im Nahen Osten irgendwann in diese Richtung entwickeln, scheint gering. Zu groß sind die kulturellen Unterschiede.

Die arabische Welt ist immer mehr eine Ansammlung von Failed States

Hinzu kommt, dass wir im Nahen Osten mit Syrien, Lybien und dem Jemen es mit einer immer größeren Anzahl von Failed States zu tun haben, Staaten also, denen jegliche staatliche Souveränität fehlt. Das macht den Friedensprozess noch schwieriger. Zudem haben alle Anführer bestehender Staaten in der arabischen Welt Ihre eigenen Machtinteressen. Zwar trifft man sich gelegentlich im Rahmen der Arabischen Liga. Doch sticht diese mehr durch Ihre Uneinigkeit hervor und macht nicht den Eindruck, sie könnte zum einem Geburtsort für einen Erneuerungsprozess der arabischen Welt werden. In den Staaten rund um Ägypten, Jordanien, dem Irak, die vereinigten arabischen Emirate, Israel und Marokko könnte man so etwas wie einen Hoffnungsschimmer sehen. Sie sind bis auf den Irak, der vielleicht bald wieder auf dem Weg dorthin ist, relativ stabile Staaten, die zur Kooperation miteinander in der Lage scheinen. Diese Staaten müssten der Kern sein, um den man einen stabilen nahen Osten aufbauen könnte.

„Der arabische Raum wird seinen eigenen Weg des Fortschritts finden müssen, will er nicht ewig in der jetzigen Situation verharren.“

Der stabile Iran als Destabilisator

Das Problem ist aber, dass sie nicht in der Lage sein werden, dieses Ziel ohne das Einverständnis eines anderen Staates der Region zu erreichen: dem Iran. Dieser nutzt natürlich die momentane Situation, um seine Position in der Region zu stärken. Im Irak hilft er beim Kampf gegen den IS. In Syrien kämpfen die Milizen der Hisbollah um das sicherzustellen, dass Syrien alawitisch regiert bleibt. Ein Vorhaben das die Miliz offenbar an die Grenzen Ihrer Fähigkeiten und finanziellen Möglichkeiten bringt.

Die einzige Lösung der Krise

Es gibt nur einen Weg die Krise in der arabischen Welt zu lösen und den dort lebenden Menschen zu Frieden und Wohlstand zu verhelfen. Die autokratischen Herrscher müssen ihre Machtansprüche aufgeben. Die teilweise vom Westen gezogenen Grenzen müssen sinnvollen Grenzziehungen weichen. Zwangsläufig müssen religiöse Konflikte auch innerhalb von Glaubensgruppen beendet werden. Eine umfassende Bildung aller Menschen sollte ermöglicht werden. Nur so kann Frieden und Wohlstand und damit auch politische Stabilität in der Region langfristig durchgesetzt werden. Ob das jetzt durch eine echte arabische Revolution passiert (es hat einen arabischen Aufstand gegeben, der aber nicht die Bedingungen einer Revolution erfüllte), oder einen langen Prozess geleitet von liberalen autoritären Führern ist natürlich dabei offen. Der arabische Raum wird seinen eigenen Weg des Fortschritts finden müssen, will er nicht ewig in der jetzigen Situation verharren.

Enttäuscht im Tempel der Literatur – ein Besuch in der Livraia Lello in Porto

Während meines Urlaubs in Porto besuchte ich die weltberühmte Buchhandlung Livraio Lello- ein absolutes Muss für mich als Bücherliebhaber. Doch der Besuch wurde zur Enttäuschung.

Buchhandlungen haben oft etwas magisches. Sie sind Horte des Wissens, Orte in denen sich Buchliebhaber sehr lange aufhalten können. Ein echtes Buch in die Hand nehmen, drin lesen, Buchcover  zu sehen, von Büchern, die wir bereits gelesen haben: Das aktiviert unsere Phantasie und unseren Geist.  Wir erinnern uns an spannende Geschichten, an surreale Abenteuer und magische Orte, wie die Bibliothek der verlorenen Bücher, aus den Büchern von Carlos Ruiz Zafon.

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Eine ganz besondere Buchhandlung ist die Livrario Lello in Porto. Sie gilt als eine der schönsten Buchhandlungen der Welt. Die Bilder, die man von dieser Buchhandlung im Internet findet, sind wundervoll. Die ganze Buchhandlung ist mit Holz verkleidet, Die Buchregale sind mit aufwändigen Holzornamenten verziert. Die Decke der Buchhandlung ziert ein elegantes Glasmosaik. Die Wendeltreppe, die in den ersten Stock führt, ist mit Ihrer feinen Holzornamentik ein Kunstwerk für sich. Diesen Ort zu besuchen, schien für mich als Buchliebhaber wie ein Pflichtbesuch bei meinem Urlaub in Porto.

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Harry Potter hat die Buchhandlung zerstört

Doch die Livraio Lello zu besuchen war eine Enttäuschung. Denn die Buchhandlung ist mittlerweile ein einziger Ort des Kommerz, mit seinem ursprünglichen Zweck hat sie nicht mehr viel zu tun. Schuld daran trägt Harry Potter, oder besser seine Autorin: J. K. Rowling. Porto diente der britischen Schriftstellerin als Inspiration für ihren Bestseller.
In Porto schrieb J.K. Rowling einen Teil von Harry Potter. Die Livraio Lello diente dabei unter anderem als Inspiration für die Innenausstattung. Dem Harry Potter Boom verdankte die Livario Lello einen ungeahnten Besucherandrang. Das Problem das daraus erwuchs war folgendes: Die Besucher kamen in die Buchhandlung als Fan von Harry Potter und um hier ein Fotos zu machen, und nur noch bedingt, um Bücher zu kaufen. Der Besitzer der Livraio Lello musste daraus die logischen Konsequenzen ziehen. Denn mit dem Verkauf von Büchern verdiente er nicht mehr genug Geld. Er führte einen Eintritt von mittlerweile 4 Euro ein, den man allerdings beim Kauf eines Buches verrechnen kann.

Der Lack ist ab

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Das Eintrittssystem dient auch dazu, den Besucherstrom zu lenken und dafür zu sorgen, dass die Buchhandlung nicht überfüllt wird und ein Besuch völlig unerträglich wird. Dennoch wird der Besuch von Lello’s Buchhandlung nicht mehr zum wirklichen Vergnügen. Man muss den Zeitpunkt seines Besuchs klug auswählen. Schon am frühen Morgen steht eine Schlange kamerabewehrter Touristen vor dem Eingang. Am späteren Nachmittag soll nach Angaben meines Touristenführers der Andrang erträglich sein. Allerdings wurde der Besuch auch zu dieser Zeit nicht zum Vergnügen. Überall stehen Leute im Weg, die Selfies machen, Gruppen blockieren die Treppe in den zweiten Stock, weil sie Fotos machen wollen. Und das schlimmste: Die Besuchermassen zerstören diesen magischen Ort der Literatur. Am augenfälligsten wird dies an der holzvertäfelten Rundtreppe: Ihr Boden ist mit roter Farbe verziert. Doch hält diese der permanenten Beanspruchung nicht statt. Der Lack bröckelt, die Buchhandlung ist renovierungsbedürftig. Der Besuch der Livario Lello war eine Enttäuschung. Leider.

Propaganda ist überall

Wir leben in einer Informationsgesellschaft. Informationen sind überall. Wir können uns aussuchen, wo wir unsere Nachrichten lesen und wie oft wir uns über den Gang der Welt auf dem Laufenden halten.

Wir im sogenannten Westen lesen gerne Nachrichten von Newsseiten oder Zeitungen, die wir für seriös halten und die von der Allgemeinheit als glaubwürdig betrachtet werden. In Teilen der Bevölkerung heißen diese heute etwas abschätzig „Mainstream“ Medien“. Man kann dort auf verschiedenen Nachrichtenseiten unterschiedliche Artikel zum gleichen Thema lesen und wird feststellen: Nuancen mögen sich verschieben, doch in einem Grundgehalt stimmen die Aussagen aller Artikel überein. Dieser Grundgehalt sind die Fakten, das was man weiß und was, auf Grund der mehr oder weniger unabhängigen Recherche, als gesichert gelten darf.

Doch zuletzt gibt es immer mehr Menschen, die an dieser Wahrheit zweifeln. Sie zweifeln daran, dass uns die „Main Stream“ Medien die Wahrheit erzählen. Sie glauben, dass diese Medien uns ein bestimmtes Bild vermitteln wollen, dass wir als die Wahrheit betrachten sollen.

Propaganda um die Massen gezielt zu lenken

Tatsächlich ist es so, dass die Medien seit jeher ein wichtiges Mittel zur staatlichen Propaganda sind. Edward Bernays, der PR Machiavelli, schreibt in seinem Buch „Propaganda- Die Kunst der Public Relations“, das die Menschen auch der Propaganda bedürfen, dass Sie gelenkt werden müssen.

Deswegen ist es vielleicht auch von Vorteil, wenn die Mainstream Medien tatsächlich nicht so unabhängig sind, sondern ein Bild der Situation im Land vermitteln, dass die Menschen zusammenhält und sie beruhigt.

Propaganda als Waffe

Tatsächlich ist Bernays Buch aber aus einer anderen Zeit. Damals gab es noch keine Massenmedien im heutigen Sinn. Propaganda war sehr gezielt einsetzbar, um das Volk von gewissen Inhalten zu überzeugen- wie es Joseph Goebbels im dritten Reich mit grausamer Brillanz verstand.

Heute ist Propaganda einfacher durchschaubar aber auch gezielter als Mittel zur Desinformation einsetzbar. Ein Vergleich zwischen den Nachrichten auf einem Mainstream Kanal und dem russischen Propaganda Sender Russia Today ist dafür ein gutes Beispiel. Man muss nicht mit einer pro- westlichen Brille ausgestattet zu sein, um schnell zu verstehen, dass 80% der Inhalte auf Russia Today gegen den Westen und besonders die USA gerichtet sind.

Aber diese Desinformation ist auch das Recht von Russia Today. Das hat zwar mit seriösen Journalismus rein gar nichts zu tun, das ist aber auch nicht die Aufgabe des Senders.

Dem einzelnen Menschen bleibt angesichts der Informationsfülle in der heutigen Zeit nur eins übrig: Er muss seine Informationen aus unterschiedlichen Quellen beziehen und sich selbst seine Meinung bilden. Der Leser muss kritisch nachfragen und sich Gedanken machen, über die Intentionen der jeweiligen Medien oder des jeweiligen Schreiberlings. Vielleicht ist auch dieser Artikel nur ein propagandistisches Machwerk. Urteilen sie selbst!

Buchkritik: Weltordnung von Henry Kissinger

Wir leben in einer aufregenden Zeit. Die Welt ist so unsicher wie seit langem nicht. Nicht nur der nahe Osten ist ein einziger Krisenherd. Auch im südchinesischen Meer gibt es mehr als genug Konfliktpotential. Wie man in diese Welt Ordnung, ja, eine neue Weltordnung bringt, diese Frage stellt sich der im mittelfränkischen Fürth geborene frühere Außenminister und langjährige Sicherheitsberater der amerikanischen Regierung, Henry Kissinger in seinem Buch „Weltordnung“. Er hat damit ein hoch aktuelles Buch geschrieben, mit dem er – gleich Niccolo Machiavelli es an seinen Fürsten Lorenzo di Piero de Medici tat- einen Ratgeber an den künftigen amerikanischen Präsidenten schreibt. Es ist unglaublich kenntnisreich. Denn Kissinger unternimmt in seinem Buch eine Reise durch die Geschichte der großen Spieler in jeder Weltregion, weil er weiß, dass sich die Handlung von jedem Einzelnen nur aus dem Kontext seiner Geschichte verstehen lässt.

Der westfälische Frieden als Grundlage

Als Beispiel einer Ordnung, die er immer wieder als Vergleichsmaßstab, für Ordnungen in anderen Regionen nimmt, nennt Kissinger den Westfälischen Frieden. Für ihn war es der erste Versuch die internationale Ordnung zu institutionalisieren, die auf Regeln basierte, denen eine Vielzahl von Staaten zugestimmt hatten und die nicht von einer großen Macht dominiert wurde. Das Konzept des Gleichgewichts der Mächte („Balance of Power“), wie es im Westfälischen Frieden zum Ausdruck kommt,  hat für ihn zwei Schwachstellen. Es wird erstens dann herausgefordert, wenn eine der Führungsmächte sich so verstärkt, dass sie Hegemonie erstrebt. Zum anderen wird eine neue Ausbalancierung des Gleichgewichts nötig, wenn eine Macht, die zuvor eher in zweiter Reihe stand, versucht zur Hauptmacht zu werden.

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Kissinger „World Order“

Europa auf dem Weg zur Bedeutungslosigkeit?

Europa sieht Kissinger natürlich als engen Bündnisparter der USA. Er zeichnet die die Geschichte Europas Weg nach, von der „Balance of Power“ des westfälischen Friedens zur Herrschaft des Darwinismus im frühen 20. Jahrhundert, bis zur Europäischen Union, die er wieder als Konstrukt erkennt, in dem eine Balance of Power herrscht. Europa, die Sammlung der Staaten, die wie kein anderer Kontinent das Bild der Welt im 19. Jahrhundert verändert, sieht er aber vor einer schwierigen Zukunft. Die Europäer müssten entscheiden, welche Rolle sie auf der Welt spielen wollten. Europa könne wählen, ob es sich entweder neutral verhalten möchte, an der atlantischen Partnerschaft festhält oder Bündnisse mit anderen Erdteilen eingeht. Kissinger sieht es als Aufgabe der USA an, Europa davon abzuhalten in politische Bedeutungslosigkeit zu verfallen. Denn er erkennt, dass es sich in einer schwierigen Situation befindet, zwischen einer Vergangenheit, die noch überwunden werden muss und einer europäischen Zukunft, die die Europäer noch definieren müssen.

Der Nahe Osten im Chaos

Der nahe Osten befindet sich in Kissingers Augen – wer könnte das bezweifeln- in einer schweren Krise. Den Iran, deren große Vergangenheit er hervorhebt, um dessen Anspruch als regionale Macht verständlich zu machen, sieht Kissinger als einen wichtigen Faktor.

Asien zwischen Konfrontation und Ordnung

China erkennt Kissinger als den wichtigsten Akteur im asiatischen Raum an. Er macht klar, welche Macht das „Reich der Mitte“ im Mittelalter in Asien hatte und woher es dementsprechend die Ambition zum heutigen Machtdenken nimmt. Er zieht Parallelen zwischen dem südchinesischen Meer und dem Europa des frühen 20. Jahrhunderts. Dabei macht er aber auch klar, dass er nicht an einen mit militärischen Mitteln ausgetragenen Konflikt glaubt.

Er thematisiert auch Indien und Pakistan, zwei Atommächte, deren weltpolitische Bedeutung nicht zu unterschätzen ist. Kissinger zeigt auf, dass die Inder in einer Philosophie verwurzelt sind, die von einer Ordnung im permanenten Wandel ausgeht. Besatzer zum Beispiel konnten so leicht ertragen werden

Amerikas Rolle in der Welt

Henry Kissinger versucht bei seinen Lesern Verständnis für die Rolle Amerikas in der Welt zu schaffen. Er sieht es nach wie vor als Macht, der bei der Schaffung einer neuen Weltordnung in dieser in Unordnung geratenen Welt  eine entscheidende Rolle zukommt. Kissinger erklärt, dass der Gedanke der Freiheit und diese in der Welt zu verbreiten, schon immer zu den grundlegendsten Überzeugungen der USA gehörte.

Kissinger schreibt ein immens kenntnisreiches Buch, dem viele Leser zu wünschen sind. Auch der künftige Präsident der USA sollte dieses Buch lesen.

Politische Sozialisation des militärischen Widerstands gegen Hitler

Um den Gedanken zu fassen, ein Regime stürzen, braucht es die Bereitschaft dazu mit allen Folgende seines Tuns zu leben und zu akzeptieren, dass sich grundlegende Konstanten in seinem Leben von einem Tag auf den anderen ändern können. Dies ist Bereitschaft, die dem Deutschen zumindest in Anbetracht unser Geschichte per se abgeht. Wir Deutschen sind in der Regel nicht bereit zur Revolution, zum gewaltsamen Umsturz einer Regierung und der damit einhergehenden Folgen für das eigene Leben. Der Kommunist Erich Mühsam hat dies in seinem Gedicht vom Revoluzzer beredt zum Ausdruck gebracht:

Es war einmal ein Revoluzzer
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: „Ich revolüzze!“
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Straßen Mitten,
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Straßenpflaster aus.
zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
schrie: „Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn‘ das Licht ausdrehn,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Laßt die Lampen stehn, ich bitt! –
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!“

Doch die Revoluzzer lachten,
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt
.

Erich Mühsam

politische Sozialisation des militärischen Widerstands

Die besondere Situation in der Zeit des Nationalsozialismus und die Kriegsgreuel des Ostfeldzugs haben offenbar beim militärischen Widerstand einen Schalter umgelegt, sodass sie trotz allem sich zur Tat entschlossen.

Die politische Sozialisation der Attentäter spielte bei der Entscheidung sowohl im negativen als auch im positiven sicher eine entscheidende Rolle.

Eidtreue und Preußentum

Der überwiegende Teil des militärischen Widerstands kam – der Zeit entsprechend- aus dem Adel. Denn lange war die Bekleidung von Offiziersrängen dem Adel vorbehalten. Diese adeligen Offiziere, die von Stauffenbergs, von Tresckows, von Boeselagers, agierten dementsprechend vor allem in ihrem eigenen sozialen Milieu, dessen Traditionen sie zu festgeschriebenen Handelsimperativen zwang.

Die Begriffe Befehl und Gehorsam spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Gehorsam gegenüber dem Vorgesetzen im Militär waren dort sehr bedeutend. Das heißt die Tradition aus der der militärische Wiederstand kam, war einerseits ein großes Hindernis zum militärischen Schlag gegen Hitler. Dieses wurde zusätzlich vergrößert durch den Schwur, den die Wehrmacht auf Hitler geschworen hatte:

„Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, dem Obersten Befehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen.“

Andererseits konnte diese Tradition aber auch gerade einen Anstoß zum Widerstand geben. Denn die Tradition Befehlen in der Regel zu folgen, war nicht gleichbedeutend mit blindem Gehorsam. Diese findet Ausdruck in einer Tischrede, die am  11. April 1943 Henning von Tresckow in der Potsdamer Garnisonskirche zu seinen beiden Söhnen anlässlich ihrer Konfirmation vortrug:

„Vergesst niemals, dass Ihr auf preussischem Boden aufgewachsen und heute an der heiligsten Stätte des alten Preussentums eingesegnet seid. Das birgt eine grosse Verpflichtung in sich: die Verpflichtung zur Wahrheit, zur innerlichen und äusserlichen Disziplin, zur Pflichterfüllung bis zum Letzten. Vom wahren Preussentum ist der Begriff der Freiheit niemals zu trennen. Wahres Preussentum heisst Synthese zwischen Bindung und Freiheit, zwischen Stolz auf das Eigene und Verständnis für Anderes. Nur in der Synthese liegt die Aufgabe des Preussentums, liegt der preussische Traum.“*

Haffner, Sebastian / Venohr, Wolfgang: „Preußische Profile“. Ullstein 1986 Seite 285.

Überliefert ist auch das Beispiel des Johann Friedrich Adolf von der Marwitz, der einst unter Friedrich dem Großen diente und die Synthese aus Bindung und Freiheit veranschaulicht:

Dieser missachtete den Befehl Friedrich des Großen im sechsjährigen Krieg Schloss Hubertusburg zu plündern. Er sah diese Aktion nicht als kriegswichtig an und verzichtete daher auf die Plünderung aus moralischer Überzeugung.

Ein anderer Aspekt der Tradition des Adels spielte eine weitere positive Rolle bei der Entscheidung zu den Attentatsversuchen und dem Staatsstreich gegen Hitler: die christliche Religion. Die Gesellschaft allgemein aber auch der Adel im Besondern sah sich christlichen Werten verpflichtet.  Der Massenmord im Osten, der christlichen Werten und Geboten fundamental widersprach, musste jeden gläubigen Christen in den Widerstand zwingen. So ist von Henning von Tresckow während der Planungen der berühmte Ausspruch überliefert:

„Wenn einst Gott Abraham verheißen hat, er werde Sodom nicht verderben, wenn auch nur zehn Gerechte darin seien, so hoffe ich, dass Gott Deutschland um unseretwillen nicht vernichten wird. Niemand von uns kann über seinen Tod Klage führen. Wer in unseren Kreis getreten ist, hat damit das Nessushemd angezogen. Der sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine Überzeugung sein Leben hinzugeben.“

Die enge Verbundenheit des Adels mit dem Nationalsozialismus

Diese Gründe aus der Tradition der Attentäter für den Widerstand stand aber die enge Verwobenheit des Adels mit dem NS Regime entgegen. Denn nach der Ende des Ersten Weltkriegs und dem Frieden von Versailles waren die meisten Adeligen keinesfalls überzeugte Demokraten. Vielmehr sehnte sie sich schon noch zu der Zeit als Kaiser Wilhelm II noch an der Macht war, nach einer starken Führungspersönlichkeit (Malinowski, Vom König zum Führer. Deutscher Adel und Nationalsozialismus, 2004). Diese erblickten sie in Adolf Hitler. Claus Graf Schenk von Stauffenberg zum Beispiel war lange Zeit ein Sympathisant Hitlers.

Die politische Sozialisation des militärischen Widerstands war also sowohl hemmend als auch auslösend für den Entschluss zum Attentat gegen Hitler.

Zur Hauptseite der Reihe über den Widerstand gegen Hitler

 

 

 

Der 20. Juli 1944 und die Vergangenheitsbewältigung in der Bundesrepublik Deutschland

Die Deutschen brauchten lange, um sich mit dem Widerstand gegen Hitler auseinanderzusetzen. Er war eine Frage zur eigenen Verantwortung und wurde zu einem Kristallationspunkt der des nationalen Erinnerns. 

Im Nachkriegsdeutschland fiel die Erinnerung an den deutschen Widerstand zunächst einmal schwer. Einerseits, weil das von den Alliierten Besatzern nicht so gewünscht war, anderseits, weil die Beschäftigung mit dem deutschen Widerstand, viele Deutsche vor unangenehme Fragen stellte. Denn der Widerstand zeigte, dass es Möglichkeiten gab, gegen das Regime aufzustehen. Man musste nicht zwangsläufig die Augen vor der Realität schließen und mitlaufen, wie es viele getan hatten.

Die Deutung des Widerstands gegen das nationalsozialistisch Deutschland war vielfältig, weil Widerstand gegen das NS Regime von Gruppen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen ausging, und im Nachkriegsdeutschland dann auch von den Menschen aus den unterschiedlichen Gruppen für sich beansprucht und gedeutet wurde.

Die Politik begann in den 50er Jahren den 20. Juli 1944 für ihre Zwecke zu nutzen und damit Geschichtspolitik zu betreiben. Der 20. Juli 1944 wurde, um es mit dem französischen Historiker Pierre Nora zu sagen, zu einem „lieu de memoire“, einem Erinnerungsort. Einem Ort also in jedem möglichen Sinn des Begriffs, in dem sich die Erinnerung einer Nation kristallisiert.

Der erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, Theodor Heuss, nutzte in seiner herausragenden Rede zum 10. Jahrestag am 20. Juli 1954 die deutsche Nation zu einen. Er zeigte auf, dass der Kern der Attentäter aus dem Adel kam. Einer gesellschaftlichen Gruppe also,  die sich tief mit dem NS Regime verbunden hatte. Gleichzeitig macht er aber auch deutlich, dass es auch im einfachen Militär Menschen gab, die gegen Hitler aufstanden und das es Widerstand in allen politischen Lagern gab.

Der Widerstand konnte auch genutzt werden, um ein Gegenlicht auf das nationalsozialistische Deutschland zu werfen. Es zeigte, dass nicht alle Deutschen überzeugte Nazis waren und konnte somit das Vertrauen in die moralische Integrität der Deutschen auch international stärken.

Quelle: Steinbach, Peter: Widerstand im Dritten Reich. Die Keimzelle der Nachkriegsdemokratie? in: Ueberschär, Gerd R. (Hg.): Der 20. Juli. Das „andere Deutschland“ in der Vergangenheitspolitik.

Man muss die AFD endlich ernst nehmen

Rechtspopulisten, Deutschnationale- so tituliert man allgemein die Alternative für Deutschland. Man echauffiert sich über Äußerungen der extremen Flügel. Und die etablierten Parteien scheinen nur sehr langsam zu verstehen, dass man sich inhaltlich mit der AfD auseinandersetzen und sie ernstnehmen muss.

Doch vielleicht ist das starke Wahlergebnis, dass die AfD in Hessen, Baden- Württemberg, Rheinland- Pfalz und Sachsen- Anhalt erzielt hat endlich das Ausrufezeichen, dass die großen Parteien gebraucht haben.

Die AfD sammelt Ihre Symphatisanten aus allen Wählerlagern. Aber besonders die konservative CDU Wählerschaft ist empfänglich für die Angebote der Alternative für Deutschland. Denn die CDU hat unter Merkel viele Grundsätze aufgegeben; sie ist Schritt für Schritt nach links gerückt. Die CDU ist mittlerweile eine Partei, deren Programm sich kaum unterscheidet von dem der Grünen oder der SPD. Im deutschen Parteienspektrum ist unter den führenden Parteien so eine Art Einheitsbrei geworden. Viele Deutsche fühlen sich angesichts der Euro- und Flüchtlingskrise nicht mehr von der Politik repräsentiert.

Die konservative Politik muss dies endlich kapieren und dementsprechend handeln. Es kann nicht mehr um eine Politik im Sinne des parteipolitischen Erfolgs gehen, bei der auch die Wahrheit wird bis zum geht nicht mehr gebogen und bei der Fragen so umschweifig beantwortet werden, dass man am Ende keine Antwort auf sie bekommt. Die Parteien müssen bei Ihrer Politik wieder in deutschem Interesse handeln und die deutschen Bürger wieder mitnehmen.

Die konservative Politik muss aufhören wie Angela Merkel alles als „alternativlos“ darstellen und bei den Menschen transparenter Werbung für ein einiges Europa machen. Sie muss ehrliche und offene Politik machen und wieder klar zu ihren ureigenen Themen Stellung beziehen. Dann kann man die AfD wieder einfangen.